Geplantes Bundesernährungszentrum: Quo vadis Ernährungsinformation?

4. August 2016  |  Autor: (56 Artikel)
Kategorie(n): Meinung & Politik, VDOE-Nachricht
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Der aid infodienst soll auf Wunsch des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, Kern eines Bundeszentrums für Ernährung (BZfE) werden. Zurzeit findet ein ergebnis­offener Verhandlungsprozess statt, in welcher Form und mit welchen Zielen ein solches BZfE mit Anbindung an oder Integration in die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) möglich ist. Diese Entwicklung beinhaltet für die zukünftige Arbeit des aid und die hieraus für Oecotrophologen  – vor allem die der (freiberuflichen) Ernährungsberater –  entstehenden Arbeitsergebnisse Chancen und Risiken (siehe Tabelle 1). Und was bedeutet das für die Kultur der Ernährungsinformation? Lesen Sie hier die Gedanken dazu aus Sicht von Dr. Claudia Laupert-Deick und Ruth Rieckman, beide selbstständige Ernährungsberaterinnen aus Bonn und Mitglieder im aid-Beirat Ernährung.

Chancen Risiken
Ernährungskommunikation wird zusammengeführt – nicht jede Institution vertritt eine andere Meinung. Die Unabhängigkeit des aid muss erhalten bleiben, er darf nicht zum Sprachrohr der Politik werden.
Durch die Zusammenführung mehrerer Institutionen wird die Schlagkraft erhöht – das Thema Ernährung gewinnt an Bedeutung. Besonders die Presse- und Medienarbeit muss weiterhin in enger Kooperation mit den Mitarbeitern im Haus erfolgen.
Der aid als Kern des Zentrums wird bei der Durchführung großer Kampagnen mehr Einfluss haben. Eine Einsparung von Arbeitsplätzen könnte sich negativ auf bisher aufgebaute und gut funktionierende Strukturen auswirken.
Durch die Angliederung an die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (= BLE) werden sich neue Synergieeffekte mit anderen Kooperationspartnern ergeben. Das Spektrum der Projekte könnte begrenzt werden, d.h. keine Erstellung von Informationsmaterial für Ernährungstherapeuten.
Die gesamte Kette, vom Acker bis zum Teller, wird mit Informationen zum Thema Ernährung aus einer Institution versorgt. Die Organisationsstrukturen, wie Kooperation mit wissenschaftlichen Beiräten, sind in dem bisher durchgeführten Umfang nicht mehr möglich oder erwünscht.

Tabelle 1: Chancen und Risiken für den aid als Teil des Bundeszentrums für Ernährung aus unserer Sicht

Was wünschen sich Ernährungsberater und -therapeuten für die Zukunft des aid?
Freiberufliche Ernährungsberater und -therapeuten haben eine Schlüsselfunktion, ernährungsbedingte Erkrankungen an der Basis zu verhindern oder zu therapieren. Angesichts der Informationsflut und Werbung in den Medien brauchen Lebensmittel und produktunabhängige Beratungsmedien eine Lobby. Der aid hat in den zurückliegenden Jahren diesem Anspruch Rechnung getragen und ist für viele freiberufliche Ernährungsberater und -therapeuten in seiner jetzigen, unabhängigen und professionell organisierten Form ein wichtiger Dienstleister gewesen:

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  1. Der aid produziert seit vielen Jahren Medien zur Verbesserung der Ernährungssituation gesunder Menschen, sowie solcher, die in besonderen Lebenssituationen sind – vom Säugling bis zum Senior.
  2. In den zurückliegenden Jahren wurden zunehmend Beratermaterialien für Personen mit ernährungsabhängigen Krankheiten wie Diabetes und Fettstoffwechselstörungen erstellt.
  3. Die wissenschaftliche Fachzeitschrift Ernährung im Fokus ermöglicht es, aktuelle Ernährungstrends und Informationen für Gesunde und Kranke schnell und praxisnah zu erhalten.
  4. Last but not least blicken wir zurück auf viele aid-Foren, in denen Top-Themen wie Ernährungsempfehlungen, Genderaspekte sowie Kommunikationsmöglichkeiten in der Beratung auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau praxisnah vorgestellt und kontrovers diskutiert wurden.

aid_infomaterialienViele Fachkräfte im Ernährungsbereich und besonders die, die in Teilzeit arbeiten, nutzen die Medien des aid infodienst, um Ernährungsinformation schnell, praxisorientiert und anschaulich darstellen zu können (z. B. Ernährungspyramide, Tellermodell). Hervorzuheben ist das Preis-Leistungsverhältnis dieser Medien, das es jedem Berater und Therapeuten ermöglicht, hochwertiges Material für seinen Beratungsprozess kostengünstig zu erwerben und wirtschaftlich zu nutzen. Freiberufliche Berater und Beraterinnen können sich die Erstellung solcher Materialien, d. h. auf dem hohen inhaltlichen und grafischen Niveau und in der vom aid angebotenen Breite, oft nicht leisten. Auch eine Vereinheitlichung der Botschaften zwischen verschiedenen Berufsgruppen wie im Projekt „Gesund ins Leben“  oder „Leichter, aktiver, gesünder“, wäre nicht möglich. Es ist sinnvoll, dass dies auch weiterhin eine öffentlich geförderte Institution übernimmt, die flexibel, zeitnah und effizient agieren kann. So kommen Botschaften zu gesundheitsbewusster Ernährung in der Informationsflut über die Multiplikatoren beim Verbraucher an.

aid_materialienFazit: Der aid infodienst unterstützt uns Ernährungswissenschaftler in vielen Bereichen! Er sorgt für die Sicherstellung wissenschaftlich fundierter, unabhängiger und zielgruppengerecht aufgearbeiteter Medien. Die Medien werden zeitnah und partizipativ erstellt und bieten für die Einzel- und Gruppenberatung ein gutes Preis-Leitungsverhältnis. Sie transportieren handlungsorientierte, wissenschaftlich basierte Informationen für alle wichtigen Lebensphasen mit ansprechenden Bildern, auch als schnelle Reaktion auf aktuelle „Skandale“ und Trends. Hochwertige Bilder und Modelle wie die aid-Ernährungspyramide ermöglichen Beratern und Lehrkräften eine unabhängige Beratung, die natürliche Lebensmittel statt Supplemente oder stark verarbeitete Lebensmittel in den Vordergrund stellt.

Ausblick: Die bisher geleistete professionelle Arbeit des aid infodienst kann durch bundesweite Kampagnen, die sich direkt an Verbraucher wenden, aber eher oberflächliche Inhalte transportieren, nur ergänzt, jedoch keinesfalls ersetzt werden.

Bei einer Eingliederung des aid infodienst in ein Bundeszentrum für Ernährung, das der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zugeordnet ist, wünschen wir uns als freiberufliche Ernährungsberater und -therapeuten, dass das hohe fachliche Niveau, die Unabhängigkeit und die effiziente Organisationsform erhalten bleiben.

Dr. Claudia Laupert-Deick & Ruth Rieckmann, Bonn

Die Autorinnen:

Dr. Claudia Laupert-Deick

LaupertDie Diplom-Oecotrophologin betreibt seit 1998 eine Praxis für Ernährungstherapie und –beratung in Bonn. Hypertonie und Fettstoffwechselstörungen gehören zu ihren Schwerpunktthemen.
Darüber hinaus ist Dr. Claudia Laupert-Deick im betrieblichen Gesundheitsmanagement tätig.

Kontakt: www.ernaehrungscheck.de |  info@ernaehrungscheck.de

 

 

 

 

Ruth Rieckmann

Ruth RieckmannDie Diplom-Oecotrophologin und zertifizierte VDOE-Ernährungsberaterin berät in ihrer Bonner Praxis „NutriTao-Ernährungsberatung“ rund um die Ernährung. Dabei kooperiert sie mit Ärzten, Heilpraktikern, Physiotherapeuten und Hebammen. Zudem ist sie Lehrbeauftragte der Universität  Witten-Herdecke sowie anderer Bildungsträger und vermittelt die Verbindung von Ernährungswissenschaft, Diätetik, der Chinesischen Medizin und professioneller Beratungsmethodik.

Kontakt: www.nutritao.de | kontakt@nutritao.de

 

Kommentar(e) zu “Geplantes Bundesernährungszentrum: Quo vadis Ernährungsinformation?

  1. Ich kann meinen Kolleginnen Claudia Laupert-Deick und Ruth Riekmann nur zustimmen. Dass der aid unsere Arbeit als Ernährungsberatungsfachkräfte unterstützt wurde gestern (21.09.2016) beim Aid-Forum 2016 zum Thema „Achtsamkeit in der Ernährung“ erneut sehr deutlich. Ich habe wieder sehr viele Impulse für meine Arbeit bekommen. Es gibt meines Erachtens in Deutschland keine Institution, die in vergleichbarer Weise Veranstaltungen zum Themengebiet „Kommunikation in der Ernährungsberatung/bildung“ anbietet. Ich wünsche mir, dass es auch in Zukunft solche Veranstaltungen gibt.

    Dr. Maike Groeneveld, Praxis für Ernährungsberatung, Bonn

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