Körperbild und Stigma bei extremen Körpergewicht: Von der Mangelernährung zum Übergewicht

20. Juli 2017  |  Autor: (61 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis, Lehre & Lernen
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Nach dem erfolgreichen gemeinsamen Treffen der VDOE-Netzwerke Adipositas, Ernährungsberatung bzw. Ernährungstherapie und Klinik im Juni 2017 in Frankfurt blieb eine Dozentin ganz besonders in Erinnerung: Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski von der Hochschule für Gesundheit in Gera. Das spannende Fachgebiet „Körperbild und Stigma bei extremen Körpergewicht“ stellt die junge Professorin für psychische Gesundheit und Psychotherapie in diesem Beitrag noch einmal näher vor.


Die Autorin: Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski:Referentin Dr. Claudia Luck-Sikorski

 


Vom Instagram-Trend zur ernsthaften Erkrankung

Das öffentliche Bild vom menschlichen Körper ist zunehmend durch Extreme charakterisiert und beinhaltet die verstärkte Darstellung vom sehr dünnen hin zum sehr dicken Körper. Besonders der Einfluss sogenannter sozialer Medien, wie Facebook, Instagram und andere begünstigt die Verbreitung von Körperidealen, die sich abwechseln – wie zuletzt der Trend zum Thigh Gap (eine deutlich sichtbare Lücke zwischen den Oberschenkeln anzustreben) und dem Mermaid Gap (als Konterpunkt hierzu, die Oberschenkel sollen sich berühren und meerjungfrauenartig zusammenschließen).

Diese Phänomene unterstreichen beispielhaft, wie Körperbildideale über Medien Verbreitung finden, während gleichzeitig Tendenzen zu beobachten sind, dass eine Abweichung vom Normgewicht egal in welche Richtung mit negativen Einstellungen der Bevölkerung gegenüber Betroffenen einhergeht. Die Anorexia Nervosa auf der einen Seite, betrifft im Laufe eines Lebens ca. 1% der Bevölkerung, ist jedoch die psychische Störung, die am häufigsten tödlich verläuft. Adipositas, das krankhafte Übergewicht, am anderen Ende des Gewichtsspektrums des Menschen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geworden und betrifft nunmehr knapp jeden vierten der deutschen Bevölkerung. Beide Erkrankungen können häufig als chronische Erkrankungen betrachtet werden und haben Auswirkungen auf das Körperbild der Betroffenen, auf die Wahrnehmung durch Mitmenschen und damit gesellschaftliche Teilhabe.

Veränderte Körperwahrnehmung

Gestörte Körperwahrnehmung bei Essstörungen

Die Befundlage zu beiden Störungen unterscheidet sich stark: Sind Erklärungen zu Abweichungen des Körperbilds im Rahmen von Körperschemastörungen für Anorexia Nervosa vielfach dokumentiert, weiß man über das Körperbild bei Übergewicht und Adipositas in erster Linie, dass es sich (negativ) von dem Normalgewichtiger substantiell unterscheidet und man diesen Unterschied v.a. bei Frauen findet. Dies ist von besonderer Relevanz, als dass auch Anorexia Nervosa deutlich häufiger bei (jungen) Frauen auftritt, wobei kontrovers diskutiert wird, ob das veränderte Körperbild Ursache oder Folge der Erkrankung ist. Klar ist jedoch in beiden Fällen, dass ein verändertes Körperbild das Risiko der Chronifizierung und Negativverläufe beider Erkrankungen erhöht, so dass alle Professionen, die mit diesen Patienten arbeiten, ein besonderes Augenmerk auch auf Körperbild-Störungen legen sollten.

Auswirkungen der gesellschaftlichen Stigmatisierung

Im Bereich Stigma – also der negativen Beurteilung von Betroffenen durch die Umwelt – sind sehr viel mehr Untersuchungen zu Adipositas bekannt, die zeigen, dass die Erkrankung mit einer Wahrnehmung von Faulheit und Willensschwäche einhergeht. Therapeutisch relevant wird die empfundene Ablehnung durch das Wirken als chronischer Stressor, der bei einigen Patienten dazu zu führen scheint, dass sich Ess- und Bewegungsverhalten nachteilig verändern; also mehr Kalorien zugeführt werden bzw. sportliche Aktivität in Einrichtungen wie Fitnessstudios vermieden wird.

Die Sorge vor Ablehnung und Bewertung führt auch dazu, dass Betroffene unter Umständen wichtige medizinische Vorsorgeuntersuchungen verzögern oder nicht wahrnehmen. Dies ist vor allem für Frauen mit Adipositas dokumentiert; aber auch bei PatientInnen mit Anorexia Nervosa wird berichtet, dass knapp ein Drittel den Behandlungsbeginn bzw. das Aufsuchen eines Ansprechpartners aus Sorge vor Abwertung verzögert hat.

Empathie bei der Therapie

Die Sorge der Patienten und Patientinnen vor Ablehnung und Bewertung auch durch Behandler sollte im Rahmen des therapeutischen Kontakts daher ggf. thematisiert werden – mindestens jedoch ist ein entsprechend empathischer und sensibler Umgang mit PatientInnen beider Störungsbilder Ausgangspunkt für eine gelungene – und therapierelevante – therapeutische Beziehung auch im Bereich der Ökotrophologie.

 

 

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