Kontroverse „Digitalisierung und Gesundheit“

Mit gleich zwei Vortragssitzungen widmet sich der VDOE in Dresden der Frage, welche Chancen die digitale Welt für die Bereiche Ernährung und Bewegung beinhaltet. So werden die Referenten aus Forschung und Praxis unter anderem über Gesundheits-Apps und die Herausforderungen einer personalisierten Ernährung berichten. Drei von ihnen geben uns einen Vorgeschmack, worauf wir gespannt sein dürfen.

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Ursula Krämer

Dr. Ursula Kramer

Gesünder, schlanker, fitter durch Ernährungs-Apps?
Welche Chancen liegen in der Selbstvermessung mit Apps und Wearables für die Ernährungsmedizin? Welche Risiken schlummern für Verbraucher in den smarten Alleskönnern? „Das Interesse von Verbrauchern ist groß und das Angebot in den App-Stores ist riesig“, sagt Digital Health Expertin Dr. Ursula Kramer. „Doch sowohl für Verbraucher als auch für Therapeuten, die nach „guten“ Gesundheits-Apps suchen, ist dieses Angebot schier undurchschaubar.“ Warum ist das so? Evidenz und Nutzen einer Gesundheits-App mit etablierten, wissenschaftlichen Methoden nachzuweisen, braucht Zeit und Ressourcen. Tatsächlich verändern sich Apps im technikgetriebenen, globalen Markt dafür viel zu schnell.
Außerdem unterliegen nur wenige Apps, die als Medizinprodukte reguliert sind, einer staatlichen Kontrolle. Sie werden vor Veröffentlichung in den App-Stores weder auf ihre inhaltliche Richtigkeit, die Sinnhaftigkeit ihres Unterstützungskonzeptes noch auf den Schutz der Privatsphäre ihrer Nutzer überprüft. „Die Intransparenz des Marktes weckt damit den Bedarf nach Orientierungshilfen“, fasst Kramer die Situation zusammen. Diese bietet sie auf ihrem Vortrag in Dresden. Anhand der aktuellen Studienlage und konkreter Praxisbeispiele zeigt die Pharmazeutin und Kommunikationsexpertin, was Ernährungsberater heute von Apps erwarten und wie sie diese als Bausteine sinnvoll in ihre Praxis einbinden können.

Dr. Svenja Stein

Dr. Svenja Stein

Wenn Gesundheit zum Diktat wird
Die Frage nach der richtigen Ernährung ist inzwischen grundsätzlich ein gesellschaftliches Megathema. „Viele Menschen sind bereit, dafür viel Geld, Zeit und Mühe zu investieren“, sagt Dr. Svenja Stein, wissenschaftliche Leiterin der Dr. Rainer Wild-Stiftung. Das ist nicht immer positiv, wenn übertrieben oder zu dogmatisch vorgegangen wird. „Anlass zur Sorge besteht dann, wenn Gesundheit nicht die Rahmenbedingung für ein glückliches Leben ist, sondern zum Lebensziel wird.“ Dahinter kann zweierlei stecken: Einerseits der Wunsch des Einzelnen nach ewiger Jugend und langem Leben. Andererseits die gesellschaftliche Anforderung an Selbstverantwortung und Leistungsfähigkeit. „Die einen sehen darin einen positiven Trend, andere sprechen von Gesundheitswahn oder –terror, ja sogar von einer Ersatzreligion“, erklärt die Oecotrophologin.
Der Frage, woran man eine solch ungünstige Entwicklung erkennt, beantwortet Stein auf der Ernährung 2016. Dabei blickt sie auch konkret auf angebliche Wunderdiäten. Und sie widmet sich dem Druck von außen, wenn beispielsweise neue Möglichkeiten der Medizin (z. B. Gentests) für die Einführung von Bonussystemen in der Gesundheitswirtschaft zum Einsatz kommen.

Prof. Hannelore Daniel

Prof. Hannelore Daniel

Chancen und Herausforderungen einer personalisierten Ernährung
Wichtige Erkenntnisse für eine personalisierte Ernährung lieferte das EU-Forschungsprojekt food4me. Darüber wird Prof. Hannelore Daniel von der Technischen Universität München berichten. „Wir haben dieses Thema sowohl akademisch als auch ganz praxisnah untersucht“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin. Zu den wissenschaftlichen Fragestellungen gehörte die Beziehung zwischen Ernährung, Lebensstil und genetischer Varianz im Hinblick auf die Umsetzungen von Ernährungsempfehlungen. Wie spiegelten sich diese in bestimmten Blutparametern wider und wie wirkte sich die Einbeziehung der Genetik aus?
Aus derartigen Ergebnissen lassen sich ganz praktische Empfehlungen für eine personalisierte Ernährung ableiten. Und zwar nicht generisch im Sinne von „essen Sie mehr Gemüse“, sondern in Form ganz konkreter Menüanweisungen. „Wir waren selber überrascht, wie offen und dankbar die Menschen für solche genauen Empfehlungen zur Zusammensetzung von beispielsweise Frühstück, Mittagessen und Abendessen sind.“ In Dresden wird Daniel weitere Möglichkeiten ansprechen, die sich im Rahmen des „Business Development“ aus diesem Forschungsprojekt ergeben. Das könnten zum Beispiel Kooperationen mit Lieferdiensten, Gastronomen oder der Lebensmittelindustrie – Stichwort 3-D-Druck – sein.

Drei weitere Experten stellen weitere spannende Entwicklungen vor: ein wissenschaftlich evaluiertes Abnehmprogramm, das sich der Telemedizin bedient, personalisierte Lebensmittel aus Sicht der Industrie und die Digitalisierung im Gesundheitswesen, speziell mit Blick auf die Ernährung.

Die VDOE-Vortragssitzung „Personalisierte Ernährung“ findet am 09.06.2016, 17.00 – 18.00 Uhr unter dem Vorsitz von Dr. Claudia Laupert-Deick, Bonn statt:

Die VDOE-Vortragssitzung „E-Health: Möglichkeiten und Grenzen von webbasierter Ernährungstherapie und mobilem Bewegungsmonitoring“ am 10. Juni 2016, 14.00 – 15.30 Uhr, wird von Corinna Dürr aus Bonn geleitet.

Weitere Informationen, Tagungsprogramm und Anmeldung: „Ernährung 2016“.

Autorin: Gabriela Freitag-Ziegler

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