Ernährungssicherung nach dem Zyklon

23. April 2016  |  Autor: (63 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis, Studium & Karriere
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Die Fidschi-Inseln klingen nach Traumurlaub. Die Oecotrophologin Verena Laubenbacher lernt dort aber Projekte rund um die Ernährungsbildung und -sicherung in der Südsee kennen. Die Triesdorfer Absolventin berichtet im VDOE-Blog in lockerer Folge über ihren Weg zu den Trauminseln, ihre Erfahrungen und Erlebnisse! Hier der letzte Teil ihrer Erlebnisse. Nach dem Fidschi-Aufenthalt hatte uns Verena in der Geschäftsstelle dann als Praktikantin unterstützt!

Teil 6: Zu früh gefreut … der vorbeigezogene Zyklon wechselt seine Richtung und entwickelt sich zu dem jeher stärksten gemessenen Zyklon der südlichen Hemisphäre. Wie wird die Insel diese Katastrophe überstehen?

Kind in Trümmern

Alles liegt in Trümmern…

Teil 1: Vom Studieren in Triesdorf, dem Marketing-Praktikum in Wien sowie dem Plan für die Reise.

Teil 2: Nichts trübt die Ankunft und die ersten Eindrücke in der Südsee bei sonnenklarem Wetter. Doch warum ist die sicher geglaubte Praktikumsstelle beim National Food and Nutrition Center in Gefahr?

Teil 3: Ein neuer Praktikumsplatz muss her! Und wie geht Qualitätsmanagement eigentlich auf fidschianisch?

Teil 4: NGO FRIEND und GROW – zwei unterschiedliche Wege zu helfen. Und wie man trotz El Niño und der extremen Trockenheit Weihnachten feiern kann.

Teil 5: Der Zyklon ist überstanden. Zeit sich Gedanken über die vorherrschende Armut zu machen. Hat der westliche Lebensstil damit etwas zu tun?

Als ich meinen letzten Artikel verfasste, atmet ganz Fidschi erst einmal auf. Der herannahende Zyklon Winston zieht mit großzügigem Abstand an den Inseln vorbei. Wetterbericht und Sturmwarnungen werden nicht mehr all zu regelmäßig und aufmerksam verfolgt. Man wiegt sich in Sicherheit. Wenn ein Zyklon erst einmal vorbeigezogen ist, verliert er sich schließlich normalerweise irgendwo in den Weiten des pazifischen Ozeans, um sich letztendlich nach ein paar Tagen aufzulösen.

Nicht aber Winston

Als der tropische Wirbelsturm Tonga erreicht, überlegte er es sich spontan noch einmal anders. Innerhalb weniger Stunden  vollzieht er eine 180°-Wendung. Anscheinend um Fidschi doch genauer unter die Lupe zu nehmen. Und eilig hat er es noch dazu. Geschwindigkeit und Kraft nehmen rasant zu und lassen den Zyklon zu einem wahren Prachtexemplar der Stärke 5 von 5 heranwachsen. Somit gelangt er in den darauffolgenden Tagen als bisher stärkster gemessener Zyklon der südlichen Hemisphäre in die Presse.

Zyklon

Wetterradar und -vorhersage am 19. Februar 2016 (links) und am darauffolgenden Tag der Katastrophe (rechts)

Der ein oder andere mag sich fragen, wie genau es aussieht, wenn Luft mit über 300km/h auf Land trifft. Ich muss ehrlich sagen: Furchteinflößend.

Der Zyklon aus nächster Nähe

Der Zyklon aus nächster Nähe

Gerade noch läuft man gemütlich durch den Ort und genießt die Meeresbrise während man ein paar fleißigen Ladenbesitzern dabei zuschaut, wie sie Fenster und Türen mit Holzbrettern vernageln. Wohl eher als Vorsichtsmaßnahme. Laut der Wettervorhersage im Radio soll es einen anderen Teil Fidschis treffen. Kurze Zeit später verbarrikadiere ich mich dann aber doch auch mal lieber in einem stabilen Haus. Sicher ist sicher. Und das war keine Minute zu früh. Schon geht das stürmische Treiben vor der Haustüre los und ist anfänglich durch das Fenster durch fast so spannend wie ein Kinofilm zu verfolgen.

Doch nach und nach machen sich doch Gedanken breit, wie lange Fenster und Dach wohl halten werden…

Es wird immer lauter und lauter vor der Tür. Ein letztes Online-Update verrät: Das Auge des Zyklons wird wohl doch genau zwischen den zwei größten Inseln Fidschis – Viti Levu und Vanua Levu – hindurchsausen. Auf letzterer befinde ich mich momentan. Wenige Minuten später sind Internet- und Mobilfunkempfang weg. Der Zyklon ist einige Stunden später vorbeigezogen.

Mein Unterschlupf war zum Glück stark genug. Zumindest Teile davon. Andere Teile des Gebäudes sind nicht mehr ganz an Ort und Stelle. Strom, fließend Wasser und Empfang: Fehlanzeige.

Wie ein Akkordeon hat der Sturm das Dach zusammengestülpt.

Wie ein Akkordeon hat der Sturm das Dach zusammengestülpt.

Ich bin dann doch froh, als ich nach drei Tagen wieder in die Haupstadt Suva zurückkomme. Diese ist bis auf kaputte Stromleitungen kaum betroffen. Doch nicht ganz Fidschi ist so gut davon gekommen. Als die Sonne zurückkehrt und die Überschwemmungen auf der Hauptverbindungsstraße der Hauptinsel langsam wieder verschwinden, mache ich mich auf meinen Weg in den Westen der Insel, zu meinem Arbeitsplatz. Diesmal verfolge ich eher eine Tragödie durch das Busfenster. So viele zerstörte Häuser, Stromleitungen und allerlei andere herumliegende Gegenstände sind zu sehen. Das schaut nach viel Aufräum-Arbeit aus.

Doch bei meiner Ankunft frage ich mich: Woher soll ich die Energie für diese Arbeit kriegen? Der Markt sowie einige Supermarktregale sind halb leer, Restaurants geschlossen.

Das hat der Sturm hinterlassen: Zerstörte dörfer und Wohnhäuser

Das hat der Sturm hinterlassen: Zerstörte Dörfer und Wohnhäuser

Irgendwas findet man dann doch immer noch und ich bin sehr erleichtert über das leise Plätschern, als ich in meiner Wohnung den Wasserhahn aufdrehe. Immerhin habe ich fließendes und sauberes Wasser. Zu Kaufen gibt es kaum mehr welches. Bei vielen Anderen bleibt es leider still.

Wo vor sich vor dem Sturm die Marktstände aneinander gereiht haben sind die Tsiche nach dem Sturm leer und der Marktplatz wird als Parkplatz genutzt.

Wo sich vor dem Sturm die Marktstände aneinander gereiht haben sind die Tische nach dem Sturm leer und der Marktplatz wird als Parkplatz genutzt.

In den darauffolgenden Tagen entspannt sich die Situation auf dem Markt ein bisschen. Die Menschen haben etwas Zeit gefunden, um das ganze heruntergefallene Obst aufzusammeln und zu verkaufen. Niedrige Qualität zu hohen Preisen. Doch diese Vorräte sind auch bald ausverkauft bzw. verkommen. Wenige Wochen nach der Katastrophe finde ich statt den üblichen geschätzt 30 Papaya-Ständen nur noch einen einzigen Obst-Verkäufer auf dem Markt. Mit einem kleinen Haufen unreifer Papayas.

Ernährungssicherung wird in nächster Zeit wohl zu einem Problem auf Fidschi werden. Vor allem Fruchtbäume wachsen nicht innerhalb weniger Wochen oder Monate. Man wird auf Importgüter angewiesen sein.

Essenspaket für Essenspaket wird verladen

Essenspaket für Essenspaket wird verladen

Um dem so schnell wie möglich entgegenzuwirken, fangen wir bei FRIEND direkt an kiloweise Saatgut abzupacken. Spinat, Mais, Bohnen, Auberginen und vieles mehr. Vorallem schnell nachwachsendes Gemüse ist gefragt, um die Teller wieder so schnell wie möglich etwas bunter zu gestalten und diese nicht lange nur mit Reis und Instant-Nudeln gefüllt sind. Für die akute Versorgung werden Essenspakete mit Grundnahrungsmitteln und Wasser gepackt. Die Produktion steht sowieso erst einmal, mehr oder weniger, still. Die Lieferanten haben nichts zu liefern. Somit ist genug Personal vorhanden, um Paket für Paket in Lastwagen zu verladen und auszufahren.

Andere Wege zu Doerfern

Mancherorts gestaltet sich die Auslieferung schwieriger als gedacht. Man muss alternative Wege zu den, von den Strömungen zerstörten, Brücken suchen.

Ich habe so viele Geschichten und Schicksale gehört und gesehen, denen ich mit einem Blogartikel nicht ansatzweise gerecht werden kann. Dazu müsste ich wohl ein ganzes Buch verfassen. Von Kindern, die wochenlang nicht in die Schule gehen können, da diese als Evakuationszentren dienen. Von Menschen, denen es von ihrem Vermieter verboten wird, ihr Haus so schnell wie möglich wieder zu reparieren, da man sonst keine Hilfszahlungen erhält. Von den wundervollsten Arbeitskollegen, die drei Säcke voll Klamotten spenden, um die nächsten Tage die gleichen Sachen zu tragen, da der Kleiderschrank nun leer ist. Von sich schnell ausbreitendem Diarrhoe, Hautkrankheiten und anderen Infektionen. Von einer Geburtsstation, in der plötzlich eine Reihe an Jungen namens Winston geboren wird. Von Kindern, die nachts kaum schlafen können, da sie von Zyklonen träumen. Von Tigermücken, viele infiziert mit dem gefährlichen Denguefieber, die sich in dem warmen, feuchten Bedinungen pudelwohl fühlen und nun leicht Zugang zu ihren Opfer finden, da kein Moskitonetz sie mehr abhält. Von Menschen, die im Türrahmen ihres dachlosen Hauses stehen, nur noch die Klamotten besitzend, die sie tragen, einen aber erst einmal zu ihren Nachbarn schicken, denen es „viel schlechter“ geht. Von staatlichen Koordinationsstellen, die ihre Krisenmeetings online abhalten – zu einem Zeitpunkt, zu dem vielerorts Strom- und Internetleitungen im Graben vorzufinden sind. Von neuen Jagdmethoden, die Fledermäuse auf die Teller bringen. Und nicht zuletzt von strahlenden Gesichtern, wenn man einfach nur eine Wasserflasche oder eine große Tupperbox voll frischem Obstsalat überreicht.

Starke Regenfälle überschwemmen die Straßen

Starke Regenfälle überschwemmen die Straßen

Fidschi wird noch einen langen und harten Weg vor sich haben. Wirtschaftliche und gesundheitliche Probleme werden sich in den nächsten Monaten wohl eher noch vergrößern, neue hinzukommen. Kürzlich starke Überschwemmungen haben die Lage vielerorts weiter veschlechtert und vorallem provisorisch wieder aufgbaute Häuser direkt wieder beschädigt. Und der nächste Zyklon ist auf dem Weg zu dem gebeutelten Land, diesmal names Zena.

Spenden wurden also nicht nur direkt nach der Katastrophe benötigt, sondern auch jetzt noch dringendst. So sind am Ende des Berichts Vorschläge von Spendenadressen zu finden. Ich hoffe sehr, dass die ein oder andere Überweisung ihren Weg in den Pazifik findet. Nicht zuletzt, da unser westlicher Lebensstil sicher einen wesentlichen Teil zur Klimaerwärmung bezutragen hat. Diesem wiederum ist es, durch wärmeres Wasser und so mehr Energie für Stürme, zu verdanken, dass solche Naturkatastrophen in den nächsten Jahren wohl keine Seltenheit bleiben werden.

Ich habe den Luxus in einen Flieger steigen zu können und in ein sicheres Land voller Wohlstand zurückzukehren. Es fühlt sich schlecht an, als würde man sich nicht darum kümmern und alles einfach seinem eigenen Schicksal überlassen. Aber es ist jetzt Zeit für mich zu gehen und ein Resumée zu ziehen. Dieses fällt ganz klar aus: Trotz meiner anfänglich herausfordernden Arbeitserfahrungen und ein paar anderen stürmischen Zwischenfällen bereue ich es keine Sekunde diese Reise angetreten zu haben. Eine Reise in ein wunderschönes, vielfälftiges, interessantes, abenteuerreiches und herzliches Fidschi, das mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet hat.

Und zurück in den Luxus der westlichen Gesellschaft

Zurück in den Luxus der westlichen Gesellschaft

Spendenadressen:

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