Nutritionniste allemande: Ernährungsberatung in Frankreich

17. Februar 2016  |  Autor: (35 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis
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Mediterran leben und arbeiten – die Münchner Oecotrophologin Barbara Konitzer hat diesen Traum früh wahrgemacht. Sie zog nach Frankreich, pendelte zwischen der Bretagne, Korsika und ihrer bayerischen Heimat. Lebens-Mittelpunkt war von 1998 bis 2013 ein Café-Restaurant im Künsterdorf auf Korsika. „Nutritionniste allemande“ – so positioniert sich das VDOE-Mitglied nun in Frankreich und Deutschland als (Online-)Ernährungsberaterin. Sie berichtet hier über ihren Werdegang sowie ihre kulinarischen, kulturellen und beruflichen Erfahrungen bei der „Grande Nation“.

Ich habe in den 80er Jahren an der Technischen Universität München-Weihenstephan Oecotrophologie studiert und mich während des Studiums auf eine Tätigkeit in der Ernährungsberatung vorbereitet. Mitte der 90er Jahre zog ich dann aus familiären Gründen nach Frankreich und gab meine freiberufliche Tätigkeit als Ernährungsberaterin in München auf. Von Bayern in die Bretagne! Was mich da erwartete, wie Essen, Ernährung und Beratung en français funktioneren, lesen Sie im Folgenden.

Mit „frische Brise und wechselhaftes Wetter“ würde ich meine Anfangszeit in Frankreich beschreiben. Französisch lernen, eine andere Kultur verstehen, eine komplizierte Rechtschreibung und Telefonieren auf Französisch. Andere Länder, andere Sitten und eine andere Mentalität! Sonntägliche Familienessen, die sich über halbe Tage hinziehen. Kleine Kinder, die im Restaurant mit Hingabe Meeresschnecken essen. Berufstätige figurbewusste Frauen (nicht selten mit drei und mehr Kindern), die ihren Nachwuchs, ihr Gewicht und ihre Küche managen. Endlose Gespräche über Essen; Mütter, die ihre Kinder außerhalb der Mahlzeiten nicht an den Kühlschrank lassen, Gastronomie im Rang von Kunst, und an Campingtischen essende Franzosen am Straßenrand, just zur Mittagszeit. Im Sinne der Integration (und weil es mir an Sprachkompetenz fehlte) machte ich mich erst mal so richtig ans Kochen. Das kam mir später in unserem Café-Restaurant A Casarella auf Korsika zugute. Auch wenn Franzosen den Verfall der Sitten beim Essen beklagen – les repas, c’est sacré [1]. Franzosen legen Wert auf geregelte Mahlzeiten und das am liebsten in Gesellschaft. Frankreich hat auf diesem Gebiet Vorbildcharakter! Kinder bekommen am Vormittag und am Nachmittag einen Goûter und Geschmackserziehung [2] ist ein wichtiges Anliegen. Mittags gibt es in der Schule Menüs mit drei Gängen und im College meiner Tochter patrouillierte die Direktorin durch den Speisesaal um sicherzustellen, dass die Jugendlichen auch équilibrés (ausgewogen) aßen. Süßigkeiten- und Getränkeautomaten sind in den Schulen verboten, und für Franzosen bedeutet gesunde Ernährung „Cuisine maison“ (hausgemacht), Qualitätslebensmittel vom Markt, einen festen Mahlzeitenrhythmus und gemeinsame Mahlzeiten. Beliebte Ernährungsthemen sind „Detox“, „ventre plât“ („flacher Bauch“, der auch intestinales Wohlbefinden mit einschließt), Unverträglichkeiten aller Art, besonders Gluten und natürlich Abnehmen!

„Nutritionniste allemande“ – en France

Das Café A Casarella auf Korsika

Mit einer Zusatzausbildung als NLP-Practitioner und guten Französischkenntnissen bot ich Ende der 90er Jahre wieder Abnehmkurse an. Zur gleichen Zeit unterstützte ich meinen Mann in unserem Café-Restaurant A Casarella im Künsterldorf Pigna auf Korsika. Vor drei Jahren gab ich die Geschäftsführung im A Casarella auf und konzentriere ich mich nun auf den Aufbau einer Tätigkeit im Bereich Ernährungsberatung und Gesundheitserziehung. Meine Schwerpunkte sind im Moment Gewichtsmanagement und themenbezogene praktische Ateliers wie Darmgesundheit und „Alimentation bioactive“, (m)eine französiche Version der Vollwerternährung. Ich positioniere mich als „Nutritionniste allemande“ mit Geschäftssitz in Frankreich. Meine Dienste biete ich auf Französisch und Deutsch an, in Frankreich und in Deutschland. Bei einer Ausweitung meiner Tätigkeit auf Ernährungstherapie würde ich eine Erlaubnis der zuständigen Behörden beantragen und eine Berufshaftpflicht abschließen. Der „Code de la Santé Publique“ sieht prinzipiell eine Regelung für eine individuelle Anerkennung ausländischer Diplome im Bereich der Diätberatung vor. Ich habe bisher keinen Antrag gestellt und daher keine Erfahrung im Anerkennungsverfahren.

Ernährungsberatung und Ernährungstherapie in Frankreich

Website B. Konitzer

Website von Barbara Konitzer

Im Bereich der Ernährungsberatung bieten verschiedene Berufsgruppen ihre Dienste an. Es gibt meines Wissens keine Ausbildung, die dem Studium der Oecotrophologie entspricht, allerdings zunehmend Masterstudiengänge im Ernährungsbereich. Die Bezeichnung Nutritionniste ist gesetzlich nicht geregelt. Sie wird von Personen verwandt, die eine Ausbildung in Ernährung haben (Mediziner, Ingenieure, Diätassistenten). Man findet Diététicien-Nutritionniste, Médecin-Nutritionniste, Nutritionniste, Naturopathe-Nutritionniste, Coach en nutrition und Diététicien. Der Beruf der Diätassistenten und die Berufsbezeichnung Diététicien sind seit 2007 geregelt. Es handelt sich um einen reglementierten paramedizinischen Beruf. Nach einer zweijährigen Ausbildung (BTS diététique oder DUT génie biologique option diététique) erhalten Diätassistenten eine Zulassung mit Registrierung. Die Bestrebungen gehen in Richtung einer dreijährigen akademischen Ausbildung mit verbindlichem Curriculum.

Der Code de la Santé publique [3] regelt die Ausübung des Berufs des Diätassistenten und sieht vor, dass entsprechende staatliche Autoritäten (Article L4371-4) individuell den Zugang zum Beruf des Diätassistenten unter bestimmten Voraussetzungen erlauben können. Betroffen sind davon z. B. Ingenieure mit Zusatzausbildung im Ernährungsbereich, spezialisierte Masterstudienabschlüsse, Personen mit „brevet de technicien ou du brevet de technicien supérieur de diététique“ und Universitätsdiplome im Bereich „spécialité biologie appliquée ou génie biologique, option diététique“ und möglicherweise auch Oecotrophologen.

Laut Auskunft der AFDN (Association Française des Diététiciens Nutritionnistes) sind die DRGSCS (Directions régionales de la jeunesse, des sports et de la cohésion sociale) und die Präfektur im Wohngebiet als genehmigende Behörden zuständig. Eine Auflistung der nötigen Unterlagen findet man im Internet [4].

Neben Antragsformular, Fotokopie des Personalausweises, Kopie des Diploms, Bestätigungen über berufsbegleitende Weiterbildungen, berufliche Erfahrungen und Führungszeugnis ist eine Bestätigung über das Niveau der Ausbildung, die unterrichteten Studienfächer und die Unterrichtsstundenanzahl – geordnet nach Studienjahr – ebenso nötig wie Praktika. Da es sich bei Oecotrophologen um einen nicht reglementierten Beruf handelt, ist auch der Nachweis über eine mindestens zweijährige Berufstätigkeit in den letzten zehn Jahren nötig, bei Teilzeitarbeit eine entsprechende Zeit. Alle Unterlagen müssen von einem vereidigten Übersetzer in die französische Sprache übersetzt werden. Wenn die Behörde die Ausübung des Berufs genehmigt, kann der Kandidat den Beruf des Diätassistenten ausüben, bzw. diesem gleichgestellt werden, sich ins Register ADELI [5] aufnehmen lassen und bewegt sich damit in einem klaren gesetzlichen Rahmen. Detaillierte Informationen finden sich auf den Seiten der Agence Régionale de Santé.

Einstellung auf die neuen Kunden

Wer sich als Oecotrophologe oder Ernährungswissenschaftler auf eine Arbeit in Frankreich vorbereiten will, dem empfehle ich zur kulturellen Einstimmung Claude Fischler (Sozialwissenschaftliche Studien zu Ernährung, Nahrung und Essen) [6] und Jean-Claude Kaufmann. Letzterer hat sich „oecotrophologischer Themen“ wie „Mit Leib und Seele: Theorie der Haushaltstätigkeit“ oder „Kochende Leidenschaft: Soziologie vom Kochen und Essen“ angenommen. Zur sprachlichen und inhaltlichen Vorbereitung auf Ernährungsberatung in Frankreich bietet sich das Centre national d’enseignement à distance / CNED [7] an. Hier werden interessante Fern-Weiterbildungskurse angeboten, die schon von Deutschland aus belegt werden können. Im Bereich Ernährung gibt es einen zweijährigen berufsbegleitenden Fern-Kurs DU (diplômes universitaires) en nutrition et maladies métaboliques mit folgenden Modulen:

  • Alimentation en situations physiologiques
  • Diabète
  • Diététique pratique
  • Picronutriments
  • Nutrition et maladies cardiovasculaires – cancers – syndrome métabolique
  • Nutrition et métabolisme
  • Obésité et troubles du comportement alimentaire

Man kann die Module einzeln belegen. Ich habe Nutrition et métabolisme als Auffrischungskurs gemacht und mit einer Fallstudie abgeschlossen. Die Inhalte sind sehr klar aufbereitet, es gibt einen Zugang zur Online-Bibliothek und einen Betreuer. Wer alle Module erfolgreich bearbeitet und an Präsenzseminaren teilnimmt, kann auch das Diplom erwerben. Das Diplom ersetzt aber nicht das Anerkennungsverfahren wie oben beschrieben. Die Kurse richten sich an Mediziner, Pharmazeuten, Krankenschwestern und Hebammen.

Enfin, schlussendlich: Gute Französischkenntnisse sind natürlich notwendig um in Frankreich arbeiten zu können. Außerdem ist sicherlich die Bereitschaft nützlich, von einem eher expliziten „deutschen“ Umgangsstil in eine implizite Kommunikation zu wechseln. Ein Seminar „Interkulturelles Training Frankreich“ hätte mir vor 20 Jahren wahrscheinlich sehr geholfen, mich leichter im Spannungsfeld der eigenen und der erst einmal fremden Kultur zu bewegen. Im Gesellschafts- und Arbeitsleben sind autoritäre und elitäre Strukturen in Frankreich nicht selten, und die emotionale Distanz im gesellschaftlichen Umgang war für mich durchaus gewöhnungsbedürftig. Es war herausfordernd, spannend und ich habe viel gelernt. Ich empfinde meine Zweitsprache Französisch als identitätserweiternd, und bewege mich in zwei Kulturen. Zum Thema Ernährung gesellte sich französiche Esskultur und solide Küchenpraxis. Mein Umzug nach Frankreich eröffnete völlig neue Horizonte!

Barbara KonizterKontakt:
Barbara Konitzer
Lieu dit Pigna,
F-20220 Pigna
barbara.konitzer@live.fr
http://www.web-ernaehrung.de

 

[1] übersetzt: Mahlzeiten sind den Franzosen heilig. LE MONDE – Le repas, un art français
http://www.lemonde.fr/culture/article/2014/02/13/le-repas-un-art-francais_4366021_3246.html#8oiSUSrWwkqsy86b.99
abgerufen 11.02.2016

[2] Geschmackserziehung von Kleinkindern
http://www.mangerbouger.fr/Le-Mag/Le-coin-des-bambins/5-astuces-pour-eveiller-les-papilles-de-vos-enfants
abgerufen am 11.02.2016
http://www.mangerbouger.fr/Le-Mag/Le-coin-des-bambins/Construire-les-gouts-de-son-enfant-ca-s-apprend
abgerufen am 11.02.2016

[3] http://www.afdn.org/code-sante-publique-dieteticien.html  Titre VII : Profession de diététicien
abgerufen am 11.02.2016

[4]  http://www.afdn.org/definition-dieteticien.html abgerufen am 11.02.2016

[5] http://www.ars.paca.sante.fr/Formalites-pour-s-enregistrer.136185.0.html  abgerufen am 11.02.2016

[6] http://www.fischler.fr/ClaudeFischlerPerso/Articles_-_pdf_%26_links.html abgerufen am 11.02.2016

[7] http://www.cned.fr/etudiant/cursus-universitaire/du abgerufen am 11.02.2016

Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Informationen. Ich habe mich bemüht die Fakten korrekt darzustellen, aber keinerlei Erfahrung in der Praxis mit der Anerkennung und übernehme keinerlei Garantien.

Kommentar(e) zu “Nutritionniste allemande: Ernährungsberatung in Frankreich

  1. Guten Abend!

    Ein sehr interessanter Bericht! Ich habe eine Frage an Sie und würde mich freuen, wenn Sie mir helfen könnten! Ich absolviere zur Zeit die Ausbildung als Ernährungsberaterin nach TCM (traditionelle chinesische Medizin) in Wien. Voraussichtlich bin ich Ende 2017 mit meiner Ausbildung fertig. Meine Überlegung wäre danach nach Südfrankreich zu ziehen und eine ähnliche Berufslaufbahn wie Sie einzuschlagen. Nun wäre meine Frage, inwieweit ich quasi Chancen hätte, in Frankreich als TCM-Ernährungsberaterin zu arbeiten? Oder besser gefragt, was bräuchte ich zusätzlich, um meine Ziele zu erreichen? Vielen Dank im Voraus!

    Liebe Grüße aus Wien

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