Oecotrophologen in PR-Agenturen – hoch geschätzt und heiß begehrt

30. Mai 2017  |  Autor: (59 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis, Lehre & Lernen, Studium & Karriere
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Als ich vor über 20 Jahren mein Volontariat in einer Frankfurter PR-Agentur antrat, wusste ich nicht wirklich, was sich hinter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bzw. Public Relations verbirgt. Und auch Freunden und Verwandten musste ich immer wieder erklären, dass PR und Werbung zwei verschiedene Paar Schuhe sind und warum meine erste Stelle nach der Uni so perfekt zu mir und meinem Studium passte.

 

 

Obwohl die PR in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat, immer bunter und vielseitiger geworden ist und für uns Oecotrophologen, Ernährungs,- Lebensmittel- und Haushaltswissenschaftler spannende Entwicklungsmöglichkeiten bereithält, hat sich die Situation kaum geändert: Nur wenige Studierende haben dieses Berufsziel vor Augen und bewerben sich nach ihrem Abschluss auf ausgeschriebene Stellen oder initiativ bei PR-Agenturen.

Keine Scheu vor PR-Agenturen

Iris Löhlein von :relations

Iris Löhlein

Das ist jedenfalls das Ergebnis meiner – nicht repräsentativen – Befragung einiger Agenturchefs oder Personalverantwortlichen. Sogar Agenturen, die sich auf den Bereich Lebensmittel spezialisiert haben, finden nur schwer Nachwuchs mit ernährungswissenschaftlichem Hintergrund. „Die Studienabgänger haben das Thema PR nach wie vor nicht auf dem Schirm“, sagt beispielsweise Sandra Ganzenmüller von kommunikation.pur.

Iris Löhlein von :relations vermutet, dass eine latent industriekritische Stimmung ein Grund dafür sein könnte. „Dabei muss sich in der PR niemand verbiegen. Gerade Kunden aus der Lebensmittelindustrie sind dankbar für eine fundierte fachliche Beratung bei der Ausrichtung ihrer Kommunikationsstrategie“, weiß Löhlein.

 

 

Kerstin Wriedt von Cohn & Wolfe Public Relations

Kerstin Wriedt

Manchen ist der Weg von der Hochschule in die PR vielleicht auch zu lang, schätzt Kerstin Wriedt Cohn & Wolfe Public Relations: Der klassische Einstieg erfolgt über ein PR-Volontariat oder Traineeprogramm, die Gehälter entwickeln sich dann mit Expertise und Erfahrung. Und auch die Angst vor einem zu stressigen Job mag abschrecken. „Hier haben sich die Zeiten aber längst geändert“, sagt Kerstin Wriedt. „Natürlich ist der Agenturbereich immer ein dynamisches Arbeitsfeld. Aber die Zeiten, in denen Stress „schick“ war, sind vorbei. Wir legen Wert auf respektvolles Zeitmanagement.“
So bieten viele Agenturen heute flexible Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle an, ermöglichen das Arbeiten im Homeoffice und sorgen für geregelte Feierabend- und Wochenendzeiten.

 Abwechslung und Herausforderung

Wer sich schließlich für die PR entscheidet, wird mit offenen Armen empfangen, denn Oecotrophologen genießen heute einen guten Ruf. „Das breit angelegte Studium prädestiniert sie einfach für die PR“, sagt Norbert Breuer von WPR COMMUNICATION. „Sie können sich schnell in viele Themen einarbeiten und gehen interdisziplinär an eine Sache heran. Und bei verwandten Themen wie etwa Medizin handeln Oecotrophologen oft zielgruppengerechter als die jeweiligen Experten.“

Auch Jelena Mirkovic von komm.passion hat beobachtet, dass Ernährungswissenschaftler komplexe Sachverhalte oft besonders gut herunterbrechen können. „Außerdem hatten alle, die mir bisher begegnet sind, eine gute Kommunikationsfähigkeit“, so Mirkovic. „Oecotrophologen haben in unserer Agentur zudem den Vorteil, dass sie sich zwischen einer Experten- und einer Managementlaufbahn entscheiden können.“

Dorothea Küsters Life Science Communications

Dorothea Küsters

Beides verspricht eine abwechslungsreiche und spannende Tätigkeit.
„PR ist ideal für Menschen, die etwas mehr von einer beruflichen Herausforderung erwarten, die nicht jeden Tag das Gleiche machen wollen und sich trauen, selbstbewusst aufzutreten“, weiß Dorothea Küsters von Dorothea Küsters Life Science Communications. Diese Herausforderung gefällt auch Kerstin Wriedt besonders gut: „Die Arbeit in einer Agentur geht ja heute weit über die klassische Pressearbeit hinaus. Es geht um politische Themen, um Qualitätsmanagement und Krisenprävention. Dabei ist die Agentur ein tolles System. Man lernt durch die Vielfalt an Kunden immer wieder neu dazu.“

Branchenvielfalt nutzen

Idealerweise stehen Bewerber dieser Vielfalt offen gegenüber und nutzen die Chance, Erfahrungen in verschiedenen Branchen zu sammeln. Doch auch wer „näher“ an seinen Studieninhalten bleiben möchte, hat eine große Auswahl. Außer den klassischen Kompetenzfeldern Lebensmittel und Getränke gibt es viele Bereiche, die zur fachlichen Ausrichtung der Oecotrophologie gut passen bzw. in die sich Ernährungswissenschaftler schnell einarbeiten können: Konsumgüter und Handel, Küchentechnik und Hausgeräte, Gemeinschaftsverpflegung und Landwirtschaft. „Spannend und zukunftsträchtig ist zum Beispiel auch der Bereich Bioökonomie“, sagt Norbert Breuer. „Wer sich hierfür begeistern kann, hat gute Perspektiven“.

 

Beste Perspektiven eröffnen sich auf dem weiten Gebiet „Healthcare“. „In der Gesundheitskommunikation insgesamt haben die Umsätze der Agenturen heute alle andere Bereiche überholt“, sagt Dorothea Küsters. Entsprechend begehrt sind erfahrene Berater. Ernährungsexperten, die sich für Pharma, Medizin und Gesundheit interessieren und gerne in komplizierte Materien einarbeiten, sind hier richtig.

Nicol Gröschel von FleishmanHillard

Nicol Gröschel

„Oft geht es um intellektuell sehr anspruchsvolle Themen. Der Berater muss sich mit medizinischen Fachbegriffen auskennen oder wissenschaftliche Studien für unterschiedliche Zwecke und Zielgruppen aufbereiten können“, erläutert Nicol Gröschel von FleishmanHillard. „Viele Themen der Patienten- und Krankheitswelt wie beispielsweise die Onkologie sind gleichzeitig eine emotionale Herausforderung. Hier braucht es nicht nur Fachwissen, sondern Empathie und Fingerspitzengefühl.“

 

Ernährungsexpertise plus (digitale) Medienkompetenz

Einige Agenturen haben sich jedoch ganz bewusst auf den Ernährungssektor spezialisiert. So Sandra Ganzenmüller, die auf Kunden aus der Lebensmittel- und Getränkebranche setzt. „Ich stelle nur Mitarbeiter ein, die den richtigen fachlichen Hintergrund und ein tiefes Verständnis für Lebensmittel haben. Das ist Teil meines Leitbildes und wird von unseren Kunden sehr geschätzt.“

Ähnlich sieht es Norbert Breuer. Er betont, wie wichtig heute die fachliche Qualität in der Beratung ist. Schließlich müsse man mit einer stark qualifizierten NGO-Szene mithalten. Je nach Projekt sei manchmal aber das PR- und Marketingwissen wichtiger, zum Beispiel bei einer groß angelegten, internationalen Kampagne. Hier konkurrieren Oecotrophologen mit erfahrenen Betriebswirten oder Kommunikationswissenschaftlern. „Brauchen wir qualitativ hochwertige Texte, für die uns die Kapazität fehlt, können wir jederzeit auf Freelancer mit Ernährungsexpertise zurückgreifen.“

Bettina Graf von Food Professionals

Bettina Graf

Selbst Bettina Graf von Food Professionals, deren fachliche Ausrichtung schon im Namen steckt, sieht einen Wandel in den Anforderungen an auf Lebensmittel spezialisierte PR-Berater. „Heute gibt es so viele seriöse Plattformen im Internet, über die sich auch ein PR-Berater informieren kann,
der nicht Ernährungswissenschaften studiert hat“, meint Graf.

„Wenn es nicht extrem produktspezifisch wird, können Mitarbeiter anderer Fachrichtung mit deren Hilfe gut mithalten.“ Außerdem gehe es in der Öffentlichkeitsarbeit mittlerweile immer seltener um reines Expertenwissen, das früher noch dazu mit einem erhobenen Zeigefinger vermittelt wurde. „Heute läuft vieles über Emotionen.Und mit Storytelling lassen sich viele Botschaften besser rüberbringen.“

 

Eine ganz wichtige Rolle spielen die digitalen Medien. Hierbei waren sich alle Befragten einig. Wer ein Gespür für Social Media hat, sich mit Blogger-Relations auskennt und weiß, auf welchen Kanälen welche Zielgruppen unterwegs sind, hat ein Zusatzwissen, das für PR-Agenturen extrem wertvoll ist. „Bisher sehe ich das aber leider nicht bei den typischen Oeocotrophologen, sondern eher bei anderen Fachrichtungen“, sagt Bettina Graf.

Ernährungswissenschaftler, die sich einen Einstieg in die PR wünschen, können sich hier also schon gut während ihres Studiums einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Oft führt der Weg in die PR aber auch ganz klassisch über ein Praktikum. „Um für die vielfältigen Berufsbilder in Agenturen zu werben und den Nachwuchs für die Branche zu begeistern, wird es in naher Zukunft eine Kampagne der Kommunikationsverbände für Studierende aller Fachrichtungen geben. Damit wollen wir auf die Möglichkeit von Agentur-Praktika aufmerksam machen“, sagt Jelena Mirkovic. „Für die meisten Agenturen ist es wichtig, dass die Bewerber zumindest ein paar Erfahrungen mitbringen“, rät auch Iris Löhlein. „ Dazu zählt auch ein Praktikum in einer Zeitungsredaktion oder die Mitarbeit bei einer Studentenzeitung. Und wer in einem Industrieunternehmen hospitiert, sollte dort auf jeden Fall für eine gewisse Zeit in der Pressestelle Station machen.“

Ein Quereinstieg in die PR könnte auch für Ernährungsberater eine Option sein. Denn die haben zum einen eine gute Beratungskompetenz und kennen sich zum anderen besonders gut mit der Zielgruppe der Verbraucher aus.


Gabriela Freitag-Ziegler

Die Autorin: Gabriela Freitag-Ziegler

 

 


Liste mit PR-Agenturen, die Oecotrophologen, Ernährungs- oder Lebensmittelwissenschaftler beschäftigen.

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