Forderung nach Schulfach Ernährungsbildung schädlich?

22. Januar 2016  |  Autor: (34 Artikel)
Kategorie(n): Lehre & Lernen, Meinung & Politik
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vdoe-brief-schmidt-TitelbildIn einem offenen Brief, der auch an den VDOE ging, äußern sich die jüngst mit der Professor Niklas-Medaille des BMEL ausgezeichneten Professorinnen Ines Heindl und Barbara Methfessel kritisch. Und zwar zur Forderung von Bundesminister Christian Schmidt, das Schulfach Ernährungsbildung bundesweit einzuführen. Das wundert auf den ersten Blick, aber die beiden Oecotrophologinnen haben nachvollziehbare Argumente. Als Berufsverband, unter dessen Dach auch das Netzwerk Bildung zuhause ist, unterstützen wir die Diskussion gerne – wie schon im Blog-Beitrag Ernährung + Bildung = Note 1 gezeigt wurde.

An Hern Bundesminister Christian Schmidt – persönlich –

Forderung nach Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen                                  Dezember  2015

Sehr geehrter Herr Minister,

als Preisträgerinnen der Professor Niklas-Medaille danken wir Ihnen auf diesem Weg noch einmal für die besondere Auszeichnung. Sie wird von den nationalen und internationalen Organisationen, die seit Jahrzehnten hinsichtlich des Bildungsanliegens von Ernährung, Gesundheit und Konsum kooperieren, in ihrer Wertschätzung äußerst positiv aufgenommen. Eine derartige Auszeichnung fördert den Dialog zwischen den verantwortlichen Institutionen und Personen.

Seit der Veranstaltung zur Preisverleihung in Berlin, am 29. September 2015, häufen sich Hinweise darauf, dass Sie, sehr geehrter Herr Minister, in der Öffentlichkeit ein Schulfach Ernährungsbildung fordern und mit dieser Forderung an die Kultusminiserkonferenz KMK herangetreten sind.

Wir begrüßen, dass Sie sich für die Stärkung dieses Bildungsbereichs einsetzen, halten aber die Forderung nach einem neuen Schulfach Ernährungsbildung zum derzeitigen Stand kontraproduktiv und evtl. sogar schädlich. Politisch zielführender ist nach unserer Erfahrung, eine verbindliche strukturelle Verankerung der Ernährungsbildung zu fordern, entweder in einem bereits bestehenden Fach oder Fächerverbund oder in einem neu einzurichtenden Fach oder Fächerverbund.

Zudem bitten wir Sie um Unterstützung dafür, dass die Ausbildung von Lehrkräften für Ernährungsbildung an den Universitäten gesichert und gefördert wird, um einen professionellen Unterricht zu gewährleisten.

Zur Begründung:

Der gegenwärtige Stand der Entwicklungen zur Ernährungs- und Verbraucherbildung (EVB) geht im Wesentlichen auf zwei zentrale europäische und deutsche Meilensteine zurück:

(1) Das EU-Curriculum zur Ernährungsbildung (1999) und
(2) das REVIS-Curriculum zur Ernährungs- und Verbraucherbildung in Deutschland (2005). Vor allem das REVIS-Curriculum, das seinerzeit von Ihrem Haus gefördert wurde, hat in den Bundesländern eine konstruktive Diskussion zur schulischen Ernährungs- und Verbraucherbildung ausgelöst und bereits zu neuen Fachentwicklungen bzw. zur Berücksichtigung in Richtlinien, Rahmenvorgaben und Bildungsplänen geführt.

Handlungskompetenzen für die alltägliche Ernährung können nicht durch die mehr oder weniger zufällige Sammlung von ernährungsbezogenen Inhalten erworben werden, wie sie z. B. von Bildungsministerien bei Anfragen zusammengestellt werden. Die Forderung nach einem neuen Schulfach weckt jedoch einen breiten Widerstand und kann ein Hindernis auf dem bisherigen mühsamen Weg gelungener Bildungskooperationen werden. Zum einen ignoriert diese Forderung, dass es vor allem in den Haupt- und Realschulen bzw. Mittelschulen schon Fächer bzw. Fächerverbünde gibt, in denen die Ernährungsbildung ein zentraler Inhaltsbereich ist. Diese Fächer werden aber gerade – zumindest als Pflichtfächer – abgebaut. Hier ist es wichtig, sie zu erhalten. Mit der Forderung nach einem neuen Fach erleichtert man den Abbau, weil die Öffentlichkeit davon ausgehen muss, dass es die geforderten Fächer noch nicht gibt und daher ein weiterer Abbau unberücksichtigt bleibt.

Zum anderen ist es nach unseren Erfahrungen hilfreich, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass viele Interessengruppen um die Einführung neuer Fächer kämpfen. Daher ist es sinnvoll, Forderungen zu bündeln. Da Ernährungsbildung sowohl Verbraucher- als auch Gesundheitsbildung beinhaltet bzw. mit diesen Bereichen eng verzahnt ist, ist eine Kombination dieser Bildungsbereiche nicht nur sinnvoll, sondern damit wurden bisher auch die meisten Erfolge erzielt.[1] Durch solche Fächer oder Fächerverbünde sollte eine systematische Ernährungsbildung gesichert werden. Gestützt wird dies dadurch, dass die Länder inzwischen den KMK-Empfehlungen für eine schulische Verbraucherbildung (2013) folgen und hier neue Wege beschreiten: von Reformen curricularer Entwicklungen bis zu Reformen in der Lehrerbildung. Während bisher ein Fach Ernährungsbildung nicht durchgesetzt werden konnte, waren Initiativen erfolgreich, Ernährungsbildung mit Verbraucherbildung und z. T. auch mit Gesundheitsbildung zu verknüpfen. Wie Sie wissen, gelang dies auch in Schleswig-Holstein mit dem Fach Verbraucherbildung.

Mit der Forderung einer strukturellen Verankerung der Ernährungs- und Verbraucherbil-dung (ggf. kombiniert mit Gesundheitsbildung) in einem sog. „Ankerfach“ bzw. Fächerverbund können Sie zugleich auch ein Signal dafür setzen, dass Ernährungsbildung von fachlich und didaktisch kompetenten Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden muss. Wie die Studie „Ernährung in der Schule“ (EiS) der Universität Paderborn zeigte, wird das Fach überdurchschnittlich häufig nicht von Fachkräften unterrichtet. Zudem haben die Ausbildungsfächer für diese Lehrkräfte an den Universitäten abgenommen. Ihr weiterer Erhalt und Ausbau sollte gefördert werden.

Sehr geehrter Herr Minister, bitte unterstützen Sie diese Entwicklungen durch Ihre Aussagen und Forderungen, um die dargestellten Konzepte einer schulischen Ernährungs- und Verbraucherbildung (EVB) zu etablieren. Indem Sie uns mit der Prof. Niklas-Medaille für unser Lebenswerk ausgezeichnet haben, haben Sie uns ermutigt und gestärkt, uns weiterhin für die Ernährungs- und Verbraucherbildung zu engagieren, und wir würden uns sehr über Ihre weitere Unterstützung freuen.

Zur Förderung der Diskussion werden wir diesen Brief den Institutionen und Fachverbänden zur Kenntnis geben, die sich ebenfalls für den weiteren Ausbau der Ernährungsbildung einsetzen.

Für weitere Gespräche zu diesen Fragen stehen wir dem Ministerium gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Ines Heindl und Prof. Dr. Barbara Methfessel

[1] Wo eine Institutionalisierung des Fachs Wirtschaft durchgesetzt werdenkonnte, wird Verbraucherbildung losgelöst von der alltäglichen Lebensführung – und damit auch von der Ernährungsbildung – unterrichtet.

 

Prof. Ines Heindl zum Thema Ernährungsbildung in der Verbandszeitschrift VDOE POSITION

Prof. Ines Heindl zum Thema Ernährungsbildung in der Verbandszeitschrift VDOE POSITION#

Die nächsten VDOE-Termine zum Thema : Die Treffen der VDOE-Netzwerke Haushaltwissenchaft/Außer-Haus-Verpflegung und Bildung am 4. und 5. März 2016 in Göttingen. Dort beschäftigen sich unsere Mitglieder mit der Schul- und Kita-Verpflegung in Deutschland und diskutieren über das Thema  „Kompetenzorientierte Ernährungsbildung in der Schule – die Arbeit der Oecotrophologen in der Schule: Vielseitig, kommunikativ, kompetenzorientiert, innovativ“.

 

 

 

 

 

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