Rio de Janeiro: Werden Topathleten top beraten? Dr. Claudia Osterkamp-Baerens zur Olympiade 2016

18. August 2016  |  Autor: (42 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis, Unterwegs & vor Ort, VDOE-Nachricht
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Deutschland arbeitet noch fleißig an Gold, Silber und Bronze. Wir drücken den Athleten weiterhin die Daumen – gemeinsam mit Oecotrophologin Dr. Claudia Osterkamp-Baerens. Die ehemalige Profi-Schwimmerin und Leiterin der Arbeitsgemeinschaft „Ernährungsberatung an den Olympiastützpunkten“ weiß, was Spitzensportler brauchen und welche Bedeutung eine professionelle Ernährungsberatung für Topathleten hat.

VDOE: Frau Dr. Osterkamp-Baerens, Sie sind Vorsitzende der AG „Ernährungsberatung an den Olympiastützpunkten“. Was sind die Aufgaben dieser AG?
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Osterkamp-Baerens: Die AG ist ein freiwilliger Zusammen-schluss von Ernährungsfachkräften, die an deutschen Olympiastützpunkten die Ernährungsberatung übernommen haben. Sie wurde 1997 auf Eigeninitiative von einigen Ernährungsberatern gegründet und ist von ehrenamtlichem Engagement getragen. Den Begriff „Arbeitsgemeinschaft“ sehr wörtlich nehmend, arbeiten wir gemeinsam vor allem daran, die Qualität der Ernährungsberatung im deutschen Spitzensport zu sichern und weiter zu verbessern. Wir suchen uns somit unsere Aufgaben im Wesentlichen selbst und arbeiten dort, wo wir es fachlich für sinnvoll halten. Auf unseren Treffen sind natürlich auch der fachliche Austausch untereinander und die Besprechung aktueller Literatur sehr wichtig.

 

VDOE: Sie haben gemeinsam mit AG-Mitgliedern einen speziellen Ernährungsratgeber für Rio mit Tipps für Athleten und Betreuer entwickelt. Welche Besonderheiten gelten für Rio?
rio1_Fotolia_XSOsterkamp-Baerens: Olympische Spiele sind in Sachen Ernährung immer besonders. Die Startzeiten und Wettkampfabläufe sind oft anders als normalerweise, so dass die eingeübten Ernährungsmuster häufig nicht ganz passen. Die Fahrtzeiten vom Olympischen Dorf zu den Wettkampfstätten sind teilweise länger, was bei der Mahlzeitenplanung berücksichtigt werden muss. Und Essen in der riesigen Olympic Main-Dining-Hall ist auch eine Herausforderung, wenn es darum geht, seine Nährstoffziele vor den Starts sicher zu erreichen. Bei Sommerspielen kommt außerdem aufgrund der hohen Außentemperaturen dem Wasserhaushalt eine besondere Bedeutung zu. Für all diese leistungsrelevanten Punkte gilt es Athleten und ihre Betreuer in den meist hektischen letzten Wochen vor der Abreise zu sensibilisieren. Speziell für Rio sind natürlich die hygienischen Aspekte rund um Leitungswasser und Essen außerhalb des olympischen Dorfes als Besonderheit zu nennen. Dazu haben wir in Rio erstmals die Herausforderung, dass einige Sportarten aufgrund von speziellen Übertragungswünschen des amerikanischen Fernsehsenders ihre Finaleinsätze zwischen 22:00 und 1:00 Uhr lokaler Zeit in Rio haben. Da muss im Einzelfall natürlich auch an den Essenszeiten getüftelt werden.

VDOE: Wie war die Nachfrage nach professioneller Ernährungsberatung im Vorfeld der Olympischen Spiele?
Osterkamp-Baerens: Zunächst ist festzuhalten: Die Hauptarbeit findet in den 2 – 3 Jahren davor statt, also lange bevor man weiß, ob sich die Sportler überhaupt jemals für Olympische Spiele qualifizieren wird.

„Man kann schon sagen: Wer seine Ernährung nicht im Griff hat, qualifiziert sich bei dem hohen Leistungsniveau, das für eine Nominierung in Deutschland gefordert wird, in der Regel gar nicht erst. Oder umgekehrt: Wer es schafft, international in seiner Sportart vorne mit dabei zu sein, macht im Bereich Ernährung auf jeden Fall schon mal vieles richtig.“

Wenn es bei dem engen Kreis der Spitzenleute dann um den letzten Feinschliff geht, muss man vor allem ausprobieren. Optimierung heißt nichts anderes als der Individualität stark Rechnung zu tragen, egal ob es um Trinkmengen, Mahlzeitentiming oder Lebensmittelauswahl geht. Auch dafür braucht man ein bisschen Zeit. Das unterschätzen manche Athleten und Trainer, so dass dieser Feinschliff oft ausfällt. Konkrete Zahlen kann ich nicht nennen. Aber insgesamt kann man schon sagen, dass die Aussicht, sich für Olympische Spiele zu qualifizieren, viele Athleten motiviert, sich im olympischen Jahr verstärkt auch um die Ernährung zu kümmern. Auslöser ist dabei fast immer die Überlegung, am eigenen Körpergewicht zu basteln. Weniger Eigengewicht ist in den meisten Sportarten von Vorteil. Nicht immer sind die Vorstellungen von Trainern und Athleten realistisch oder gesundheitlich vertretbar. Da muss man dann mit viel Feingefühl gegensteuern.

VDOE: Es gibt rund 50 olympische Sportarten. Nutzen bestimmte Disziplinen die professionelle Ernährungsberatung stärker als andere?
Osterkamp-Baerens: Da gibt es aus meiner Sicht – jedenfalls in Deutschland – keine Traditionen. Ob und in welcher Ausbaustufe Ernährungsberatung in einer Disziplin stattfindet, hängt nach meiner Erfahrung vor allem vom Trainerteam und der Mannschaftsführung ab. Wird Ernährung als wichtiger Baustein für die Leistungsentwicklung der Mannschaft / des Teams gesehen, ist eine kontinuierliche, saisonbegleitende Arbeit mit den Athleten möglich. Es können dann sogar disziplinenspezifische Konzepte entwickelt werden, die mit den nachfolgenden Sportlergenerationen fortgeführt werden. Wechselt das Trainerteam, lösen sich diese geschaffenen Strukturen und Konzepte schnell wieder auf – jedenfalls dann, wenn die neuen Trainer Ernährung eher als Nebenschauplatz und Privatsache der Athleten sehen.

VDOE: Qualifizierte Ernährungsberater als feste Mitglieder in Olympia-Teams, davon haben Sie 2010 geträumt. Ist Ihre Vision inzwischen Wirklichkeit geworden? Was hat sich in den vergangenen sechs Jahren getan?
Osterkamp-Baerens: Ich habe das 2010 sehr bewusst als meine „Vision“ bezeichnet. Vision steht ja für was ganz „Großes“! Und dafür ist ein Zeitraum von sechs Jahren viel zu kurz. Olympiasieger entstehen auch nicht von heute auf morgen. Nicht selten braucht es für die Verwirklichung dieses Traums ein ganzes „Sportlerleben“, wie wir aktuell am Beispiel von Fabian Hambüchen sehen können: Er ist diese Woche in seinem letzten aktiven Jahr mit 29 Jahren Olympiasieger am Reck geworden. Die Olympiastützpunkte gibt es seit Ende der 1980iger Jahre.

„Als ich 1992 in die Ernährungsberatung am Olympiastützpunkt Bayern eingestiegen bin, gab es für diesen Betreuungsbereich deutschlandweit überhaupt keine Strukturvoraussetzungen. Es war quasi ein neues Berufsfeld. Ich schätze, man darf schon mindestens ein ganzes „Berufsleben“ ansetzen, um von Null auf 100 % zu kommen.“

Was hat sich konkret seit 2010 getan: Aus acht festen AG-Mitgliedern sind heute 13 gut vernetzte Kolleginnen und Kollegen von 14 Olympiastützpunkten geworden. Wir haben inzwischen ein Stellenprofil für die Ernährungsberatung am Olympiastützpunkt erstellt. Im „Stützpunktkonzept 2013“ des DOSB ist erstmals der Bereich Ernährungsberatung als Betreuungsleistung der Olympiastützpunkte mit Aufgabenfeld und Qualifikationsvoraussetzung explizit aufgeführt. Unser Leitfaden zur Gemeinschaftsverpflegung in Einrichtungen des Deutschen Spitzensports ist in die Qualitätsrichtlinien für die Eliteschulen des Sports aufgenommen worden. Wir waren in die Erstellung der 2015 erschienen DOSB-Broschüre zu Nahrungsergänzungsmitteln eingebunden und werden inzwischen zum DOSB-Kongress „Sportmedizin im Spitzensport“ eingeladen. Es geht vorwärts.

VDOE: Das klingt doch gut. Wie kann es weiter vorwärts gehen, was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Osterkamp-Baerens: Sporternährung ist heute ein absolutes Spezialgebiet. Zu klassischen Ernährungstechniken, wie dem Carboloading, sind ganz neue Ansätze gekommen, wie z.B. „Train low, compete high“, das darauf abzielt, die Anpassung des Fettstoffwechsels unter Belastung zu forcieren. Unter Experten wird diskutiert, ob eine Periodisierung der Kohlenhydratzufuhr im Saison- oder sogar auch im Wochenverlauf Vorteile für die Trainingsanpassung bringt. Wie im Bereich Geriatrie werden auch im Sport die Möglichkeiten, durch Ernährung die Muskelproteinsynthese zu beeinflussen, heiß diskutiert. Im Bereich Gewichtsmanagement gibt es mehrere kurzfristige Methoden, mit denen das Wettkampfgewicht auf den Punkt gebracht werden kann. Und schließlich der Bereich der leistungsförderlichen Substanzen, den es gilt in Spreu und Weizen zu trennen. Da jede Disziplin ihre eigenen „Gesetze“ hat, also einen speziellen Wettkampfmodus und spezielle körperliche Anforderungen, ist für jede Disziplin auch neu zu überlegen, welche Ernährungstechniken, Methoden oder ergogene Substanzen konkret einen Nutzen bringen könnten. Dabei sind gesundheitliche Risiken und pädagogische Aspekte sorgfältig abzuwägen. Bewährt sich ein Konzept in der Praxis, wäre es mit den Athleten routinemäßig einzuüben. Das verstehe ich unter einer professionellen Ernährungsberatung im Spitzensport. Dafür ist der deutsche Sport im Moment aber aus meiner Sicht noch nicht offen, einfach weil das Potenzial einer konsequenten, disziplinenspezifischen und saisonbegleitenden Ernährungsberatung nicht erkannt wird. Wenn man bedenkt, dass die Sporternährung in Deutschland an Universitäten und in der Ausbildung von Ernährungswissenschaftlern im Grunde keine Rolle spielt, ist das m.E. aber auch nicht verwunderlich. In Deutschland liegt die Forschung im Bereich Sporternährung fast brach.

„Was wir brauchen, ist eine Vertiefung in Sportphysiologie und Trainingswissenschaft. Ich wünsche mir, dass die Universitäten und Fachhochschulen die Sporternährung stärker in die Ausbildung integrieren, am besten einen Master in Sporternährung für Ernährungswissenschaftler schaffen und auf Kongressen Sporternährungsthemen mit aufgenommen werden.“

Denn Athleten, Trainer, Verbände und Profivereine sind letztlich nur dann davon zu überzeugen, dass es sich lohnt in Ernährungsfachkräfte zu investieren, wenn wir Sporternährung zu unserem Thema machen und eine fundierte Arbeit abliefern. Kleine erste Pflänzchen sind ja zu meiner großen Freude schon zu beobachten mit dem 3. Fachtag für Sporternährung in Wien am 16.09.2016 und dem 3. Symposium „Sporternährung kompakt“ in München am 21.10.2016 – beides Tagesveranstaltungen zur Sporternährung.

VDOE: Welchen Erfolgstipp geben Sie Studenten und Absolventen der Ernährungswissenschaft, die sich auf die Beratung/Betreuung von Spitzensportlern spezialisieren möchten?
Osterkamp-Baerens: Für ein erstes Reinschnuppern sind qualifizierte Fortbildungen z.B. von der Deutschen Sporthochschule Köln zu empfehlen. Ansonsten braucht es viel Eigenstudium im Bereich Sportphysiologie und Trainingsaufbau und den schnellen Einstieg in die englischsprachige Literatur, wie „Clinical Sports Nutrition“ von Deakin und Burke oder „Sport Nutrition“ von Jeukendrup und Gleeson. Für die praktische Erfahrung ist ein frühzeitiges Engagement in der Trainerweiterbildung der Landesfachverbände hilfreich. Denn da kann man lernen, wie Trainer „ticken“, wie der Kenntnisstand ist und wo die Probleme liegen. Auch Vorträge in Vereinen und Betreuung von Nachwuchsteams im Spielsport ist eine gute Gelegenheit, um praktische Erfahrung zu sammeln. Wer schon ein bisschen fortgeschrittener im Thema steckt, für den ist auch die Teilnahme an der International Sport and Exercise Nutrition Conference in Newcastle / UK sehr empfehlenswert, die inzwischen fast schon traditionell Mitte Dezember stattfindet. Da kann man die „Leader“ der internationalen Sporternährungsszene hören und fragen.

Liebe Frau Dr. Osterkamp-Baerens, herzlichen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Dr. Monika Düngenheim.

OsterkampZur Person: Dr. Claudia Osterkamp-Baerens

  • Diplom-Oecotrophologin (Studium an der TU München,
    Promotion am Lehrstuhl für präventive und rehabilitative Sportmedizin
    der TU München)
  • Seit 1993: freiberufliche Ernährungsberaterin mit Spezialisierung auf Sport
  • 1993 – 1997: Ernährungsberatung am Olympiastützpunkt München (heute Bayern)
  • Seit 1997: Vorsitzende der AG Ernährungsberatung an den Olympiastützpunkten
  • 1997 – 2002: Ernährungsberatung am Olympiastützpunkt Frankfurt-Rhein-Main (heute Hessen)
  • Seit 2003: Ernährungsberatung am Olympiastützpunkt Bayern
  • Seit 2007: eigene Praxis in Ottobrunn

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