Verliert die Oecotrophologie an notwendiger Interdisziplinarität?

28. Juni 2016  |  Autor: (54 Artikel)
Kategorie(n): Lehre & Lernen, Meinung & Politik, Studium & Karriere
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Prof. Dr. Joachim Gardemann (Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz)

Prof. Dr. Joachim Gardemann (Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz)

 „Ich habe große Sorge um die Zerspaltung des unbedingt notwendigen Profils der Oecotrophologie, gelenkt von aktuellen Trends“. Prof. Dr. med. Joachim Gardemann, Professor an der FH Münster für den Fachbereich Oecotrophologie und Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe, sieht manche Entwicklungen beim Studiengang Oecotrophologie kritisch. Die zahlreichen Einsätze in den verschiedensten Krisengebieten seit 1994 mit dem DRK verdeutlichten ihm die Wichtigkeit der wertvollen, einzigartigen Interdisziplinarität von Oecotrophologen in Krisensituationen.

Die Bedeutung der Oecotrophologie für Medizin und Nothilfe. Ein Statement von Prof. Dr. Joachim Gardemann:

„Als Kinderarzt und Einsatzleiter in der internationalen Katastrophenhilfe und als Hochschullehrer im Fachbereich für Oecotrophologie einer deutschen Hochschule möchte ich meine große Wertschätzung für die Oecotrophologie betonen und gleichzeitig meine Besorgnis äußern über eine mögliche Zerspaltung dieses überaus wichtigen und unbedingt notwendigen Profils vor dem Hintergrund kurzlebiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Trends.

Seit 1997 lehre ich Humanbiologie und humanitäre Hilfe an der Fachhochschule Münster und leite dort seit 2001 das Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe, das in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen und dem Auswärtigen Amt wissenschaftliche und technische Expertise für die Nothilfe bereitstellt.

Einsatz in Sierra Leone (Foto: DRK)

Einsatz in Sierra Leone (Foto: DRK)

Seit 1994 gehöre ich der Personalreserve für die internationale Soforthilfe des Deutschen Roten Kreuzes an. Hilfseinsätze mit dem Roten Kreuz führten mich seither mehrfach nach Tansania, daneben nach Mazedonien, in den Iran und den Sudan, nach Sri Lanka, nach China, nach Haiti, nach Jordanien und nach Sierra Leone, meine Lehrtätigkeit auch nach Serbien, in die Mongolei und nach Äthiopien.

Für mich als ausgewiesenem „Nicht-Oecotrophologen“ hat sich in diesen über zwanzig Jahren der internationalen Katastrophenhilfepraxis das in Deutschland eigenständige interdisziplinäre Studienfach der Haushalts- und Ernährungswissenschaften als unverzichtbares und passgenaues Kompetenzprofil für Fachkräfte der Daseinssicherung erwiesen.
Einsatzkräfte aus der Oecotrophologie kennen sich sowohl mit naturwissenschaftlich-medizinischen als auch mit psycho-soziologischen und ökonomischen Fragestellungen bestens aus und bilden daher die Anforderungen der Daseinssicherung in Notlagen umfassend ab.

Trotz spektakulärer Berichterstattung über medizinische Rettungsmaßnahmen nach Katastrophen und Gewaltausbrüchen stehen bei humanitärer Hilfe nämlich der Ersatz zerstörter Infrastrukturen, der Gesundheitsschutz, die gesundheitliche Basisversorgung und in erster Linie die Sicherstellung von Trinkwasserversorgung, Hygiene und Ernährung im Mittelpunkt.
Epidemiologische Untersuchungen nach dem Erdbeben im iranischen Bam von
2003 und nach dem Erbeben in Haiti von 2010 belegten übereinstimmend, dass schon in der zweiten Woche nach einem punktuellen Schadensereignis die Anzahl der Hilfesuchenden mit allgemeinen Gesundheitsproblemen deutlich höher war als die Zahl neu zu versorgender primärer Katastrophenopfer. Die unter dem Namen “Sphere Project“ seit 1997 systematisch fortentwickelten Leitlinien internationaler humanitärer Hilfe stellen daher das Recht auf ein Leben in Würde in das Zentrum allen Bemühens und sehen die partizipative Sicherstellung von Obhut, Hygiene, Ernährung, Behausung und Gesundheitsversorgung als hierfür unverzichtbare praktische Voraussetzungen.

In der Praxis der Soforthilfe hat sich gezeigt, dass gerade ein herrschaftsfreies und respektvolles, freundschaftlich kollegiales Gesundheitshandeln aller Auslandsdelegierten gemeinsam mit lokalen Kräften die Wesenheit gelingender Nothilfeeinsätze ausmacht. Einsatzkräfte mit akademischem Hintergrund der Oecotrophologie können hierbei am Einsatztort die Handlungsfelder der Ernährungsepidemiologie, Ernährungsmedizin, Beschaffung, Logistik, Zubereitung und Verteilung von Nahrungsmitteln abdecken und daher die Daseinsvorsorge im Überblick koordinieren.
Spezialisierte und ausschließlich ernährungswissenschaftlich, lebensmitteltechnologisch oder betriebswirtschaftlich orientierte Fachkräfte vermögen hingegen immer nur einzelne Teilaspekte der Ernährungssicherstellung zu verantworten und bedürfen daher einer zusätzlichen Koordinationsebene.

Prof. Dr. Gardemann beim EInsatz in Haiti (Foto: DRK)

Prof. Dr. Gardemann beim Einsatz in Haiti (Foto: DRK)

Die überragende Bedeutung der Oecotrophologie, gerade in ihrer Wesenheit als primär interdisziplinär angelegtes Berufsbild, zeigt sich auch in der Zahl der Einsatz- und Leitungskräfte mit oecotrophologischem Hintergrund bei den international tätigen Nothilfe- und Zusammenarbeitsorganisationen.

Vor diesem Hintergrund und aufgrund meiner wirklich langjährigen Kenntnis der großen Vorzüge des Berufsbildes Oecotrophologie im internationalen Vergleich halte ich die vorschnelle Aufgabe der Interdisziplinarität und die Aufspaltung bestehender Studiengänge in Spezialdisziplinen von Ernährung, Gesundheit und Lebensmitteltechnologie für verhängnisvoll, zumal diese Tätigkeitsfelder traditionell bereits seit Jahrzehnten von akade-mischen oder Ausbildungsberufen fest besetzt sind und die künftigen akademischen Oecotrophologie-Spaltprodukte sich hier immer einer ganz erheblichen Konkurrenz ausgesetzt sehen werden.

Oecotrophologie als sinnstiftende Verbindung von Haushalts-, Sozial- und Ernährungswissenschaften bewährt sich übrigens ja gerade wieder angesichts derzeitiger Herausforderungen durch die hohe Zahl zufluchtsuchender Menschen in unserem Land bestens. Oecotrophologie in ihrer bisherigen Form hat weltweit eine unerreichte Qualität und Tradition als interdisziplinär angelegte Disziplin der Daseinssicherung. Ihre Spaltprodukte werden in der bunten Vielfalt akademischer Spezialausbildungen nur zusätzliche, farblose und letztlich entbehrliche Sonderwege bleiben.“

Prof. Dr. Joachim Gardemann
FH Münster

Um sich im wahrsten Sinne des Wortes ein besseres Bild von den zahlreichen Einsätzen von Prof. Dr. Joachim Gardemann machen zu können, hat die FH Münster zusammen mit dem Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe ein Bildband „Wissen schafft Hilfe“ veröffentlicht. Es beinhaltet 55 Aquarelle, die Prof. Gardemann persönlich von seinen zahlreichen Erlebnissen gemalt hat. Zusätzlich wird die Geschichte der humanitären Hilfe samt ihrer ethischen Grundlagen beschrieben.

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