Von Ananas und Armut

23. März 2016  |  Autor: (35 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis, Studium & Karriere
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Die Fidschi-Inseln klingen nach Traumurlaub. Die Oecotrophologin Verena Laubenbacher lernt dort aber Projekte rund um die Ernährungsbildung und –sicherung in der Südsee kennen. Die Triesdorfer Absolventin berichtet im VDOE-Blog in lockerer Folge über ihren Weg zu den Trauminseln, ihre Erfahrungen und Erlebnisse!

Teil 5: Der Zyklon ist überstanden. Verena macht sich ihre Gedanken um die hohe Armut, die im Alltag aber gar so zutage tritt. Und fragt sich warum das so ist. Und was hat ein westlicher Lebensstil damit zu tun?

Dies ist der fünfte Teil der Blogreihe „Über die Fidschi-Inseln zum VDOE“.

Traditionelles Speerfischen hat bei Einhaltung gewisser Regelen nur geringe Auswirkungen auf die lokalen Fischbestände

Traditionelles Speerfischen hat bei Einhaltung gewisser Regeln nur geringe Auswirkungen auf die lokalen Fischbestände

Teil 1: Vom Studieren in Triesdorf, dem Marketing-Praktikum in Wien sowie dem Plan für die Reise.

Teil 2:  Nichts trübt die Ankunft und die ersten Eindrücke der Südsee bei sonnenklaren Wetter. Doch warum ist die Prakitkumsstelle beim National Food and Nutrition Center in Gefahr?

Teil 3: Ein neuer Praktikumsplatz muss her! Und wie geht Qualitätsmanagement eigentlich auf fidschianisch?

Teil 4: NGO FRIEND und GROW – zwei unterschiedliche Wege zu helfen. Und wie man trotz El Niño und der extremen Trockenheit Weihnachten feiern kann.

Importierte Armut?

Wie in meinem vorhergehenden Bericht erwähnt, hat uns Zyklon „Winston“ ganz schön in Atem gehalten. Zum Glück hat er aber einen Bogen um die Inselgruppe herum gemacht und es waren nur die Ausläufer der Naturgewalt zu spüren. Nicht so aber 2012, als ein Zyklon vielen Menschen ihr zu Hause nimmt und in der Landwirtschaft großen Schaden anrichtet. Unter anderem durch die schnelle und unbürokratische Hilfe der Organsiation FRIEND (Foundation for Rural Integrated Enterprises & Developmentkönnen) haben sich die betroffenen Regionen des Landes relativ schnell wieder erholt. Güter und Dienstleistungen wie Baumaterialien, Saatgut oder medizinische Versorgung werden von der NGO umgehend bereit gestellt und dankend empfangen.

Die Arbeit bleibt aber nicht aus. Nach Bewältigung dieser Krise widmet sich die Organisation wieder dem Tagesprogramm mit Diabetes- und Armutsbekämpfung an oberster Stelle.
Laut einer Arbeitskollegin leben 40% der fidschianischen Bevölkerung in finanzieller Armut. Und doch sehe ich mehr Leute, die um Geld betteln, wenn ich fünf Minuten durch meine Heimatstadt München laufe, als ich in den ganzen letzten Monaten zusammen im ganzen Land hier gesehen habe. Was hat es mit dieser ziemlich hohen Armutszahl also auf sich?

Wildwachsende Ananas - kein seltener Anblick

Wildwachsende Ananas – kein seltener Anblick

Meine bisherigen Beobachtungen und Gespräche mit Einheimischen bringen mich zu dem Schluss, dass dieser Garten Eden theoretisch genügend Ressourcen bietet. Vor allem mit landwirtschaftlicher Arbeit und Selbstversorgung sollte jedermann gut leben können. Verschiedenste Obst- und Gemüsesorten wachsen das ganze Jahr über an jeder Ecke, teils kultiviert, vieles aber auch wild.

So müssen die Erzeugnisse also nur noch geerntet bzw. gefischt und verarbeitet werden. Das notwendige Wissen über traditionelle Landwirtschaft und Naturheilkunde wird innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

Der Zusammenhalt der Familien und Dorfgemeinden ist stark ausgeprägt. Nicht ohne Grund werden die Dörfer hauptsächlich als „Communities“ und nicht einfach nur als „Villages“ bezeichnet. Jede dieser Gemeinschaften hat eine gut gepflegte und rege genutzte Gemeinschaftshalle, in der jedermann jederzeit willkommen ist, egal ob extern oder intern. Dieser Rückhalt ist vermutlich auch der Grund für die wenig sichtbare Armut.

Egal welches Alter - alle haben Spaß und verbreiten den ganzen Tag durch ausgelassenes Lachen, Singen und Tanzen gute Laune und Herzlichkeit

Egal welches Alter – alle haben Spaß und verbreiten den ganzen Tag durch ausgelassenes Lachen, Singen und Tanzen gute Laune und Herzlichkeit.

Bei der 50-Jahr Feier eines Dorfes zeigt sich die ausgeprägte Gastfreundlihckeit mal wieder - uns werden die Ehrenplätze in vorderster Reihe zwischen dem Priester und dem Dorfältesten angeboten

Bei der 50-Jahr Feier eines Dorfes zeigt sich die ausgeprägte Gastfreundlichkeit mal wieder – uns werden die Ehrenplätze in vorderster Reihe zwischen dem Priester und dem Dorfältesten angeboten

Es herrscht jedoch nicht überall so eine Idylle, wie man sie auf den ersten Blick wahrnehmen mag. Der gesundheitliche und wirtschaftliche Zustand des Landes spiegeln eher das Gegenteil wider. Wo genau liegen aber die Ursachen des Problems?

Einfach zu beantworten ist diese Frage nicht. Durch den engen Kontakt in meiner Arbeit mit Einheimischen verschiedenster sozialer Hintergründe zeichnen sich aber gewisse Muster ab.

Die Hauptprobleme liegen meiner Meinung nach im Umgang mit finanziellen Ressourcen, einer oft anzutreffenden „Tag-zu-Tag-Mentalität“ und vor allem dem immensen westlichen Einfluss.

Letzt genannter Punkt setzt sich aus verschiedenen Vorkommnissen zusammen. Zuerst entstehen jahrelange immense politische Unruhen durch die britische Kolonialisierung. Wie bereits im zweiten Teil meiner Blogreihe beschrieben, werden außerdem Inder für den Zuckerrohranbau in das Land gebracht. Dies bringt nach und nach bis heute zum Teil ungelöste Streitereien um Landbesitz mit sich. Zum anderen ist hier aber auch die moderne Wirtschaft zu nennen. Ein Großteil der materiellen Bedürfnisse ist wohl erst entstanden, als die ersten Containerschiffe mit Importgütern der westlichen Welt auf der Inselgruppe antrafen. Auf einmal hat der Cousin ein Handy, einen neuen Rucksack und einen Fernseher. Eine indo-fidschianische Kollegin erzählt mir, dass ihre Kindheitserinnerungen an Weihnachten hauptsächlich mit Fruchtsalat aus der Aludose behaftet sind. Wohlbemerkt: Importierter Fruchtsalat. In einem Land, in dem man keine zwei Meter gehen kann ohne eine Kokosnusspalme, einen Papaya- oder Mangobaum zu passieren. Man kann sich vielleicht vorstellen, dass es mir erst einmal die Sprache verschlagen hat. Sie erklärt mir, dass es oft einfach „fancy“ ist, solche Sachen zu kaufen. Und wenn Gäste im Haus sind, will man zeigen, dass man extra Geld für sie ausgegeben hat und nicht nur einfach in den Garten gegangen ist, um dort etwas zu ernten. Rückblickend findet sie das völlig absurd, diesen „Brauch“ haben sie aus ihrer Familie verbannt. Sie meint, unter anderem ihre Arbeit bei FRIEND habe ihr die Augen geöffnet. So eine positive Verhaltensänderung spiegelt wohl momentan jedoch noch nicht den Durchschnitt der Gesellschaft wieder. Um die 80% der Lebensmittel werden importiert, obwohl im Land keine Knappheit an lokalen Produkten herrscht.

Kurz gesagt: Geld wird hart erarbeitet und durch den Kauf von Importgütern an ausländische Firmen gegeben. Die lokale Wirtschaft leidet und die eigenen Früchte fallen von den Bäumen, um manchmal einzig und allein von Fledermäusen und Ameisen verspeist zu werden.

Der Kapitalismus hat sein Ziel erreicht und Bedürfnisse geweckt, wo vorher keine waren. Hat er das Inselleben aber auch verbessert? Oder brachte das traditionelle Leben „im Einklang mit der Natur“, wie es so schön heißt, vielleicht letztendlich mehr Reichtum? Reichtum im Sinne von Gesundheit, Zufriedenheit, einem stets vollen Magen und einem ausgeprägten sozialen Umfeld…

Fakt ist, dass diese Verwestlichung längst in vollem Gange und wohl schwer aufzuhalten bzw. rückgängig zu machen ist. Somit muss also der bestmögliche Umgang hiermit gefunden werden, um entstandene Probleme langfristig zu lösen.

FRIEND’s Ansatzpunkt hierbei ist das Governance Programm. In diesem werden derzeit Profile von rund 1300 ländlichen Haushalten ermittelt, um deren IST-Zustand zu ermitteln. Hieraus können unter anderem Stärken, Schwächen, Felder mit dringendem Handlungsbedarf, notwendige und vorhandene Ressourcen sowie interne und externe Unterstützung abgeleitet werden.

Finanziert ist das Programm teils über EU-Förderungen. Jedoch nicht ganz ohne Haken: Sie erschweren oft nachhaltiges Arbeiten. Verständlicherweise wollen Geldgeber Ergebnisse sehen. Schnelle Ergebnisse. Nachhaltige Verbesserungen und positive Entwicklungen benötigen jedoch Zeit. Anfangsphasen wirken extern betrachtet oft sinnlos, da nicht sofort sichtbare Auswirkungen sichtbar sind. Um etwas groß und aus sich selbst wachsen lassen zu können, benötigt es aber eben in den meisten Fällen Geduld. Kurzfristig erzwungene Maßnahmen bringen zwar erst einmal Erfolg, langfristig sind sie aber meistens nutzlos. Die Mentalität der Menschen bezüglich ihres Umgangs mit materiellen wie finanziellen Ressourcen wird sich nach Jahrhunderten nicht von heute auf morgen ändern. Diese Gradwanderung ist vermutlich eine der größten Herausforderungen der NGO.

Die hauseigene Lebensmittelproduktion finanziert sich selbst. Somit versuche ich durch meine Arbeit nachhaltige Verbesserungen zu bewirken. Die Produktionsleitung ist froh über „ein Paar neue Augen, die den ein oder anderen Verbesserungsvorschlag für festgefahrene Vorgehensweisen mit sich bringt“. Aber auch hier können wir uns nicht immer voll und ganz auf unsere eigentliche Arbeit konzentrieren. Es ist immer mit ungeplanten Aktivitäten und Unterbrechungen zu rechnen. Letztens hat uns beispielsweise der nächste herannahende Zyklon eine sehr stürmische und verregnete Wettervorhersage beschert. Da packt dann schon einmal das ganze Team, egal ob Produtions- oder Büromitarbeiter, an, um alles ins Trockene zu bringen und die Fenster zu vernageln. Vor allem die zwei Tonnen Ingwer, die zum Trocknen gerade ein intensives Sonnenbad genossen haben, hielten uns ziemlich auf Trab. Pünktlich zum ersten Regentropfen war aber alles in Sicherheit.

Es wird also nie langweilig, wir haben auch diesen Zyklon gut überstanden und ich bin sehr gespannt, was als nächstes kommt…

 

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