Weihnachten in der Südsee

Die Fidschi-Inseln klingen nach Traumurlaub. Die Oecotrophologin Verena Laubenbacher lernt dort aber Projekte rund um die Ernährungsbildung und –sicherung in der Südsee kennen. Ein Praktikum soll es möglich machen. Die Triesdorfer Absolventin berichtet im VDOE-Blog über ihren Weg zu den Trauminseln, ihre Erfahrungen und Erlebnisse!
Teil 4: NGO FRIEND und GROW – zwei unterschiedliche Wege zu helfen.
Und wie man trotz El Niño und der extremen Trockenheit Weihnachten feiern kann.

Update: Verena hat den Zyklon Ula gut überstanden. Mehr dazu im 5. Beitrag!

Was bisher geschah:

Teil 3: Ein neuer Praktikumsplatz muss her! Und wie geht QM eigentlich auf fidschianisch?

Teil 2: Nichts trübt die Ankunft und die ersten Eindrücke der Südsee bei sonnenklarem Wetter. Doch warum ist dann die Praktikumsstelle beim National Food and Nutrition Center in Gefahr?

Teil 1: Vom Studieren in Triesdorf, dem Marketing-Praktikum in Wien sowie dem Plan für die Reise.

Abb18_Weihnachten bei FRIEND 2

24. Dezember bei FRIEND

Nachdem sich meine eigentlich angedachte Stelle in Suva in Luft aufgelöst hat, arbeite ich nun für die NGO FRIEND im Westen der Hauptinsel Viti Levu. Mein Ziel ist es, in einer doch sehr begrenzten Zeit der Organisation möglichst viel Nutzen zu bringen, nachhaltigen Nutzen. Nachhaltig nicht nur bezogen auf den Inhalt der Arbeit, wie beispielsweise die Unterstützung nachhaltiger Ernährung und Landwirtschaft. Sondern nachhaltiges Arbeiten ebenfalls im methodischen Sinne. Mir ist bewusst, dass ich innerhalb von ein paar Monaten nicht die Welt verändern kann. So macht es wenig Sinn eigene Projekte zu starten, die niemals weitergeführt werden, sobald ich nicht mehr vor Ort bin. Teamwork ist angesagt.
Wie bereits im vorhergehenden Teil erläutert, ist es momentan leider nicht  möglich meine ernährungswissenschaftlichen Kompetenzen einzubringen. Deshalb gliedere ich mich erst einmal in das Team „Qualitätsmanagement“ ein. Ich möchte übersichtliche, sinnvolle und effiziente Arbeitsvorgänge erreichen, was vor allem seitens der Produktionsleitung Zustimmung findet. Für Veränderungen sind aber nicht nur Wissen, sondern auch materielle Ressourcen, wie beispielsweise Messgeräte oder Türabdichtungen nötig. Da deren Beschaffung mitten im Pazifik jedoch des Öfteren ein Problem darstellt, sind Kreativität und Improvisationstalent gefragt.
Dass diese Kreativität auch im administrativen Bereich des Qualitätsmanagements zu finden ist, macht die Arbeit etwas mühsam. Dokumente sind weder in ausgedruckter noch in elektronischer Form in einer mir ersichtlichen Ordnung vorhanden. Nach einigen Gesprächen mit den verschiedensten Angestellten komme ich langsam dahinter, wie ich an welche Informationen gelange. Aus einer deutschen Perspektive ist das natürlich alles andere als effizient. Da komme ich schon einmal ins Nachdenken über unsere Vorstellungen von Effizienz, Arbeitsweise oder Wirtschaftswachstum und wie weit sie als weiteres, weniger süßes Exportgut taugen.

Klar, oft werden anstehende Arbeiten gekonnt umgangen. Beschäftigungslücken sind Alltag. Manche Abläufe frustrierend. Gleichzeitig war und ist Fidschi eines der „glücklichsten“ Länder der Erde. Vielleicht liegt dies mit daran, dass genug Zeit bleibt, um den neuesten Tratsch aus den Dörfern zu verbreiten und in aller Ruhe seinen „Morning Tea“ zu genießen. Hierzulande werden nämlich fünf Mahlzeiten am Tag bevorzugt – Breakfast, Morning Tea, Lunch, Afternoon Tea und Dinner. Klingt erst einmal vernünftig und ganz nach DGE-Ernährungsempfehlungen. Es sei jedoch angemerkt, dass sich jede dieser Mahlzeiten wie ein ganzes Hochzeitsbuffet präsentiert, egal ob es sich um eine Zwischenmahlzeit handeln sollte oder nicht.

Abb8_GROW-Team+Bewohnerinnen

Das Tragen eines Sulus (Rock) ist für Frauen zwar Pflicht, vielleicht aber nicht gerade die praktischste Arbeitskleidung.

Das Stichwort Teamwork mag im privaten Leben stark präsent sein. Die ganze Familie bzw. das ganze Dorf hilft zusammen, sei es beispielsweise in der Kinderbetreuung oder der Beschaffung von Lebensmitteln oder Arbeitsstellen.

Im Arbeitsalltag sind eine gemeinsame Kommunikationsbasis und die Erreichung selbst gesteckter Ziele jedoch nicht sehr stark vorzufinden. Ich beobachte, dass zum Teil die Zeit eher „abgesessen“ wird und man nur darauf wartet, dass es 17 Uhr ist und man ausstempeln und nach Hause gehen kann. Ob das eine Folge der starken Hierarchie ist, die in vielen Bereichen noch immer stark ausgeprägt ist?
Zumindest im Arbeitskontext habe ich damit manchmal meine Schwierigkeiten. Und so ist auch in starren Strukturen Kreativität und Eigeninitative gefragt. Da meine Arbeit im Qualitätsmanagement nur sehr schleppend vorangeht, ich immer wieder auf Dokumente, Informationen und Besprechungen warten muss, fülle ich die Pausen mit Arbeit für das GROW-Team. Diese fokussiert die Landwirtschaft im westlichen und nördlichen Teil Viti Levus.

Das Wissen über eine nachhaltige und ökonomische Landwirtschaft soll in diesem Rahmen ebenso in die Dörfer gebracht werden wie beispielsweise Saatgut oder Werkzeug. Ernährungssicherung und die Generierung eines langfristigen Einkommens sind die zentralen Themen des Programms.
Eine sichere Einnahmequelle in Fidschi stellt z.B. der Anbau und Verkauf von Kokosnüssen dar. Aber gerade auf der bevölkerungsreichsten Insel des Landes gibt es keine industriell nennenswerten Mengen. Der private Bedarf

Abb9_Arbeit mit Kleid

Hier dürfen die Jungpflanzen heranwachsen

ist zwar abgedeckt, große Resorts oder beispielsweise FRIEND beziehen jedoch Erzeugnisse der Nachbarinseln. Um dem entgegenzuwirken, hat das GROW-Team einen ganzen Lastwagen voller Kokosnuss-Setzlinge in den umliegenden Dörfern verteilt. Mit ihnen lassen wir das entsprechende landwirtschaftliche Wissen vor Ort. Zu Demonstrationszwecken wird der Spaten selbst in die Hand genommen. Damit die Pflanzen nicht schon nächste Woche wieder vergessen sind, werden die Setzlinge, sozusagen als lebendige Erinnerungsstütze, direkt vor den Häusern groß gezogen. Später können sie dann auf den Feldern zu stattlichen Palmen heranwachsen. Nach ungefähr drei Jahren werden sie erste Früchte tragen.

So, und wegen der ziemlich hohen Temperaturen bin ich ganz froh darum, dass es den Männern eines Dorfes nicht so gefällt, wenn sich Frauen körperlich betätigen. Die letzten wahren Gentlemen? Dann widme ich mich eben den zahlreich herumhüpfenden Kindern.

Abb10_Kinder mit Kokosnuessen

Die Dorfkinder sind auf Grund der Kokosnuss-Lieferung Feuer und Flamme

Unternehmungen wie diese sind enorm wichtig

Abb11_Palaa

Zubereitung von Palaa

Nicht zuletzt, da die Auswirkungen des Wetterphänomens El Nino in Form von andauernder Trockenheit bereits sehr spürbar sind. Ertragsrückgänge stehen an der Tagesordnung. Kokosnuss-Palmen sind glücklicherweise genügsame Pflanzen. Wenn sie einmal groß genug sind, brauchen sie praktisch keine Pflege mehr und halten verschiedensten Wetterbedingungen Stand, wie auch dem Zyklon Ula, der grade über die Insel tobt.
Doch nicht nur die Dörfer, sondern auch die Mitarbeiter von  FRIEND werden zu Weihnachten beschenkt. Kurz vor den Feiertagen werden Büro und Produktion für einen Tag geschlossen und ein großes Strand-Picknick organisert. Ein Tag voller Spiel, Spaß, Musik, Freude und natürlich Essen steht bevor.

Abb12_Palusami

Palusami

  Palaa (geraspelte Kokosnuss, Banane und Kassava) und
Palusami (mit Gemüse gefüllte Taro-Blätter) werden vorbereitet.

 

Abb13_Lovo

 

 

 

 

 

… um anschließend im traditionellen Lovo stundenlang geräuchert zu werden

 

Bewegung darf neben dem ganzen Essen nicht fehlen – ob an Land …

Abb15_Bewegung an Land 2

Volleyball spielen

Abb14_Bewegung an Land 1

… beim Tanzen,

 

 

 

 

 

 

 

Abb16_Bewegung im Wasser

… oder im Wasser

Das Büro glitzert, Weihnachtslieder werden gesungen und alle freuen sich auf das große Fest. Bei diesen Temperaturen mag bei mir aber einfach keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Das gemeinsame Mittagessen am 24. Dezember ist trotzdem sehr schön und ausgelassen. Auch hier wird natürlich wieder gesungen und ein ganzes Buffet vorbereitet. Als Nachspeise gibt es einen unglaublich leckeren Cassava-Frucht-Kuchen.

Abb17_Weihnachten bei FRIEND 1

24. Dezember bei FRIEND

Neben den Weihnachtsvorbereitungen war das ganze FRIEND-Team mit dem Verlauf des Klimagipfels COP21 in Paris beschäftigt. Es wurde mitgefiebert, gebetet und gesungen. Das Thema ist zumindest im informierten Teil der Bevölkerung sehr präsent. Der steigende Meeresspiegel, stärkere Stürme und trockenere Dürren sind eine akute Bedrohung für die Pazifik-Staaten. Umso glücklicher sind alle über den Ausgang der Konferenz.
Somit kann 2015 erst einmal in Ruhe und Zufriedenheit seinen Ausklang finden, bevor wir dann im neuen Jahr mit frisch getankter Energie und Motivation wieder voll durchstarten…

 

Weiter geht es bald in Teil 5 …

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