Betriebliche Gesundheitsförderung – Oecotropholog*innen an die Spitze

27. Juni 2019  |  Autor: (91 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis
Schlagwörter: , , , , ,

Die betriebliche Gesundheitsförderung bietet für qualifizierte Ernährungsfachkräfte sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Doch wie finden Neulinge den Einstieg und wie können sich erfahrene Berater*innen noch besser positionieren? Hier hilft ab sofort das neu gegründete VDOE Fach-Netzwerk „Betriebliche Gesundheitsförderung“. Was das konkret bedeutet, zeigte bereits das Gründungstreffen in Bonn: Viel Expertise in den eigenen Reihen und eine grandiose Aufbruchsstimmung gemeinsam den Markt zu erobern.


Zwei Kernfragen zogen sich durch das Gründungstreffen am 24. und 25. Mai in Bonn: Was verbirgt sich im Detail hinter betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF) beziehungsweise betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM)? Und wie müssen sich Oecotropholog*innen und Ernährungswissenschaftler*innen aufstellen, um in diesem heiß umkämpften Markt ein ordentliches Stück vom Kuchen abzubekommen? Denn, wer sich (noch) nicht auskennt, wird von der Flut an Informationen schnell erschlagen – zumal BGF und BGM fälschlicherweise oft synonym verwendet werden. Und wer den Einstieg sucht, den trifft schnell die Erkenntnis, dass bereits viele andere Player den Markt beherrschen. Dazu gehören neben spezialisierten Dienstleistern vor allem die gesetzlichen Krankenkassen, die Betrieben oftmals ein „Rundum-sorglos-Paket“ anbieten.

Leitfaden Prävention stärkt und regelt die BGF

Doch bereits die einleitenden Worte von Anne Flothow machten den Teilnehmer*innen Mut, sich dieses Arbeitsfeld zu erschließen. „Nirgends gibt es so gute Möglichkeiten, Erwachsene mit Präventionsmaßnahmen zu erreichen, wie in den Betrieben“, betonte die Professorin von der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg. Das hat mittlerweile auch die Politik erkannt und so erfuhr die BGF durch den „Leitfaden Prävention“ des GKV-Spitzenverbands eine deutliche Stärkung. Als Leiterin des VDOE-Arbeitskreises BGF und durch entsprechende Projekte an ihrer Hochschule macht sich Flothow mit ihrem Team schon lange für die BGF beziehungsweise die Positionierung der Oecotropholog*innen stark. Dazu gehört auch die Entwicklung von Fortbildungen und Materialien für Ernährungsfachkräfte. Wer sich hier qualifiziert und professionell aufstellt, findet ein spannendes und vielseitiges Aufgabengebiet mit Zukunft.


Informationsvorsprung im Netzwerk

Wie sehr die Teilnahme in einem VDOE-Netzwerk immer auch ein Informationsvorsprung ist, zeigte der Vortrag von Hanna-Kathrin Kraaibeek. Kraaibeek ist seit rund zehn Jahren auf BGF spezialisiert und lieferte einen regelrechten Schnellkurs und die nötige Orientierung in Sachen BGF/BGM, bestehend aus vielen praktischen Infos zu gesetzlichen Grundlagen und zur Finanzierung. Sie berichtete anschaulich aus ihrer eigenen Erfahrung und rückte die Begrifflichkeiten zurecht. Denn streng genommen ist die BGF, zu der einzelne Maßnahmen wie Gesundheitstage, Vorträge oder Workshops im Handlungsfeld Ernährung gehören, nur eine zentrale Säule innerhalb der BGM. Viele Ernährungsfachkräfte bieten jetzt schon BGF-Module an. Das ist auch gut so, denn hier liegt ganz klar ihre Kernkompetenz und klassische Ernährungsthemen sollten nicht Sportwissenschaftler oder andere auf dem BGF-Markt Aktive mitübernehmen.

Doch BGM geht weit über Einzelaktionen und das Thema Ernährung hinaus. BGM meint das große Ganze auf dem Weg zu einer betrieblichen Gesundheitskultur. Grundsätzlich bringen Oecotropholog*innen auch hierfür gute Voraussetzungen mit. Und so wünschen sich Kraaibeek und Dr. Andrea Lambeck, VDOE-Geschäftsführerin, ausdrücklich mehr Ernährungsfachkräfte, die sich an BGM heranwagen und auf Augenhöhe mit Firmen und anderen Akteuren zusammenarbeiten.


Persönlich, professionell & mit Power überzeugen

Einige Teilnehmer*innen des Gründungstreffens sind bereits sehr gut aufgestellt, betonten aber, wie wichtig ein langer Atem und gute Vernetzung vor Ort sind: Beispielsweise mit der Kommune, Krankenkassen und Ärzten als Kooperationspartner und durch eine direkte Ansprache von Betrieben. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die nötige Professionalisierung. Das fängt bei der Website an, die strukturiert, offensiv und zielgruppengerecht die eigene Expertise und Leistungen präsentiert. Und das setzt sich fort über ein selbstbewusstes Auftreten im Umgang mit den zu beratenden Unternehmen. „Wer hier erfolgreich sein möchte, muss mit Power und Person überzeugen“, stellte Lambeck klar.

Nichts für Schüchterne also. So könnte man es auch auf den Punkt bringen. Und nichts für Einzelkämpfer, wenn man sich „zu Höherem“ berufen fühlt. Denn wer große Unternehmen oder Behörden beraten oder umfangreiche Ausschreibungen gewinnen möchte, schafft das in der Regel nicht allein. Besser funktioniert es im Team mit anderen Ernährungsfachkräften und Fachleuten für die Themen Bewegung, Stress und Sucht.


Von den Chancen und Risiken eines „Wrap-Workshops“

Kontroverse Meinungen gab es zum berüchtigten „Wrap-Workshop“. Der steht stellvertretend für das, worin vor allem kleinere Betriebe das Aufgabengebiet von Ernährungsfachkräften sehen oder wofür sich Krankenkassen gerne Unterstützung von Honorarkräften holen: Eine wenig anspruchsvolle Einzelmaßnahme, für die es keines ernährungswissenschaftlichen Studiums bedarf. Und natürlich verpufft so eine Aktion schnell, wenn es die Einzige bleibt und der Aufwand rechnet sich auch finanziell nur bedingt. Daher musste der Wrap-Workshop mehrmals als Beispiel einer nicht nachhaltigen BGF-Maßnahme herhalten.

Doch es gab auch andere Ansichten. Wer solch einen Workshop geschickt für vertiefende Informationen, zur Demonstration der eigentlichen Expertise und dazu nutzt, erst einmal einen Fuß in die Tür zu bekommen, kann im günstigen Fall Folge- und größere Aufträge generieren. Letztlich kommt es wie so oft darauf an, was man draus macht. Und wer mehr möchte, sich entsprechend engagiert, weiterbildet und vernetzt, dem stehen grundsätzlich viele Türen offen.

Dazu möchte der VDOE mit seinem neuen Netzwerk BGF ermutigen und aktiv beitragen. Die Teilnehmer des ersten Treffens haben bereits viele praktische Tipps erhalten und gute Kontakte knüpfen können. Jetzt freuen sie sich auf viele weitere engagierte Kolleg*innen, die bereits in der betrieblichen Gesundheitsförderung tätig sind oder einsteigen wollen und den Austausch im Netzwerk bereichern.

https://www.vdoe.de/netzwerke.html

Autorin: Gabriela Freitag-Ziegler Diplom-Oecotrophologin, Bonn