Contra Mangelernährung bei Krebs: Mehr Ernährungsteams in onkologische Zentren!

2. Mai 2018  |  Autor: (85 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis, Meinung & Politik
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Vom 21. bis 23. Juni 2018 findet in Kassel die Tagung „Ernährung 2018 – Ernährung ist Therapie und Prävention“ statt. In unserer VDOE-Blogserie verraten wir Ihnen vorab einige Inhalte ausgewählter Vorträge.

Als „Katastrophe“ bezeichnen viele Verantwortliche den Status Quo zur Ernährungstherapie im stationären und ambulanten Bereich, für die meist Geld und Personal fehlen. Leidtragende sind an Krebs oder anderen Krankheiten erkrankte Menschen, denen schnell eine Mangelernährung droht. Auf der „Ernährung 2018″ in Kassel werden hierzu Hintergründe und Best Practise Modelle präsentiert und Forderungen für die Politik abgeleitet. Dr. Melanie Ferschke wird dazu im Rahmen der Session Onkologie VKlinische Fallbesprechung Ernährungsmedizinische Strategien für Patienten mit Magenkarzinom während einer neoadjuvanten Chemotherapie sowie perioperativ“ aus ernährungstherapeutischer Sicht präsentieren.

Ein Schwerpunkt der Tagung ist das Thema „Ernährung bei Krebs“. Von dort ist es nicht weit zur Mangelernährung, denn bei etwa einem Drittel der stationär und ambulant behandelten Krebspatienten wird eine Mangelernährung festgestellt. Zugleich sterben 20 bis 30 Prozent aller Krebserkrankten an deren Folgen und nicht etwa an der eigentlichen Erkrankung. Trotzdem gibt es in den Einrichtungen bisher kaum regelmäßige Screenings, obwohl diese in S-3 Leitlinien diverser Fachgesellschaften als auch im Standard für die Pflege (Expertenstandard Ernährungsmanagement) gefordert sind. Die wären eine wichtige Grundlage für ein funktionierendes Schnittstellenmanagement.

Diese und weitere Zusammenhänge und Missstände listete bereits 2016 das Positionspapier „Für eine Verbesserung der Ernährungsversorgung bei Menschen mit Krebs in Deutschland“ auf. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit und ein Appell wichtiger Fachgesellschaften und Verbände, an der auch der VDOE beteiligt war.

Kaum Ernährungsteams und Oecotrophologen in der Klinik sowie im ambulanten Bereich

Fehlendes Personal sowie deren Finanzierung und vor allem fehlende Einsicht in die Dringlichkeit der Problematik verhindern bisher eine Verbesserung dieser Situation. Darunter leiden nicht nur Menschen mit Krebs, sondern auch mit anderen Erkrankungen, die von einer Ernährungstherapie profitieren würden. „Tatsächlich hat sich die Lage sogar noch verschlechtert“, sagt Dr. Melanie Ferschke. Sie ist als Ernährungstherapeutin in einer Klinik tätig und hat sich für den VDOE an anderen Kliniken umgehört: „Die Antworten zeigen, dass sich nur ganz wenige Häuser interdisziplinäre Ernährungsteams leisten.“ Doch gerade solch ein Team aus Ernährungsmediziner, Oecotrophologe, Diätassistent, Pharmazeut sowie einer Küchen- und Pflegefachkraft wäre zur effizienten Patientenversorgung ideal.

Standard sollte zumindest eine Oecotrophologin oder Diätassistentin sein, die interdisziplinär und auf Augenhöhe mit allen Beteiligten zusammenarbeitet, so Ferschke. Doch in der Praxis ist selbst das oft nicht der Fall. Oder die Ernährungsfachkraft wird nur in Teilzeit engagiert bzw. ist für viel zu viele Patienten zuständig: Eine Mitarbeiterin für 600 bis 800 Betten ist keine Seltenheit, wie eine nicht repräsentative Umfrage unter den Klinik-Oecotrophologen ergeben hat. „So kann es schnell zur Überforderung kommen“, weiß Ferschke aus eigener Erfahrung. „Denn im permanenten Multitasking muss sich die Oecotrophologin um alles kümmern, was rund um die Ernährung anfällt. Außerdem muss sie abwägen, welchen Patient sie sich ansieht und welchen nicht. Das ist im Alltag oft schlecht zu überblicken.“

Die Situation sieht im ambulanten Bereich nicht besser aus. Viele onkologische Patienten bekommen mittlerweile Chemo- oder Strahlentherapie in niedergelassenen Praxen oder Zentren und erhalten in dieser Zeit keine Ernährungstherapie. Oft fühlen sich die Patienten mit den Nebenwirkungen der Anti-Krebstherapie wie Appetitlosigkeit und der daraus folgenden Mangelernährung allein gelassen.

Vergütung für die Ernährungstherapie festschreiben

Als Katastrophe empfinden viele Verantwortliche die unzureichende finanzielle Vergütung von ernährungstherapeutischen Leistungen in der Klinik: „Die wurde im Laufe der letzten Jahre extrem weit heruntergestuft, so dass die Krankenhäuser jetzt keine gute Darstellung der Ernährungsmedizin im D

RG System mehr haben und ein Ernährungsteam purer Luxus ist“, so Ferschke. Außerdem unterliegt die Codierung sehr starren Vorgaben, in denen es nur nach Gewicht und nicht nach tatsächlichem Ernährungszustand geht. Auch ein altersbereinigter BMI fehlt im Deutschen System.Auch im ambulanten Bereich ist die Lage unbefriedigend. Eine Finanzierung der Ernährungsberatung über § 43 SGB 5 ist unzumutbar für die akut schwerkranken Patienten, die erst eine Genehmigung der Krankenkasse für die Zuzahlung brauchen und gegebenenfalls eine enorme Zuzahlung leisten müssen.Damit das nicht so bleibt, macht sich der VDOE dafür stark, dass Ernährungsberatung in Kliniken und im ambulanten Ber

eich zum Beispiel als Heilmittel – auch für gesetzlich versicherte Patienten – abgerechnet werden kann. Interdisziplinäre Tagungen mit Oecotrophologen und Ernährungsmedizinern wie die „Ernährung 2018“ bieten hier eine schlagkräftige Plattform, um sich als Gemeinschaft Gehör zu verschaffen und Appelle an die Entscheidungsträger in der Politik zu senden. Um den Austausch zwischen Oecotrophologen und Haushalts- und Ernährungswissenschaftlern zu erleichtern, die an den verschiedenen Schnittstellen im Klinikbereich arbeiten, hat der VDOE schon im Jahr 2014 das Klinik-Netzwerk gegründet.

Wer aus erster Hand mehr über dieses und viele weitere Themen erfahren möchte, kann sich natürlich noch zur Dreiländertagung „Ernährung 2018“ in Kassel anmelden.

Außerdem trifft sich am Rande der Tagung auch das Klinik-Netzwerk und lädt alle Interessierten herzlich ein (Termin: 22. Juni, 16-18 Uhr, Konferenzraum 2).


Die Referentin: Dr. Melanie Ferschke

Dr. Melanie Ferschke

Dr. Melanie Ferschke

  • Studium der Oecotrophologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Promotion an der Technischen Universität Darmstadt
  • Seit 2013 eigene Praxis als zertifizierte Ernährungsberaterin VDOE, Schwerpunkt Therapie von Mangelernährung bei Krebs und nach großen Operationen
  • Gleichzeitig ab 2011 Etablierung der Ernährungtherapie im Klinikum Frankfurt Höchst

 

Autorin: Gabriela Freitag-Ziegler

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