„Epidemiologie ist faszinierend“

Gibt es einen Anstieg oder Abfall im Aufkommen einer bestimmten Krankheit? Findet man in manchen geographischen Gebieten höhere Erkrankungsraten als in anderen? Und welches sind die gemeinsamen Merkmale der erkrankten Personen? Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich die Epidemiologie – die Lehre von der Verteilung von Erkrankungen in Bevölkerungen und den Faktoren, die diese Verteilung beeinflussen. Für die VDOE-POSITION haben wir mit Ute Nöthlings, Professorin für Ernährungsepidemiologie an der Universität Bonn über ihre Faszination für ihr Forschungsgebiet gesprochen.

Frau Prof. Nöthlings, macht Wissenschaft Spaß?

Nöthlings: Und ob! Wissenschaft ist interessant, relevant und macht großen Spaß. Die Auseinandersetzung mit offenen und meist durchaus komplexen Fragestellungen fordert heraus und ist aus der Sache heraus abwechslungsreich. Die Ermittlung von Ergebnissen und nicht zuletzt die Publikation derer bietet immer wieder einen kleinen Höhepunkt. Das sind dann die Früchte der Arbeit. Das bringt die Bestätigung, die man sich für das Team und für sich selbst wünscht.

Prof. Ute Nöthlings

„Epidemiologie ist ein unglaublich ergiebiger Ansatz“, so Prof. Ute Nöthlings

Und wie wird man bereits im Alter von Mitte dreißig Professorin für Ernährungsepidemiologie am renommierten Institut für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften der Universität Bonn?

Nöthlings: Rückblickend denke ich, ich habe mich meist auf die Chancen eingelassen, die das Leben für mich hatte, und wohl auch etwas Glück gehabt. Nach einem kurzen Ausflug in die Lebensmittelindustrie im Anschluss an mein Studium habe ich beschlossen zu promovieren. Ich bin dann in die forschungsorientierte Abteilung Epidemiologie des DIfE (Deutsches Institut für Ernährungsforschung) gekommen. Das war für mich eine sehr prägende Zeit und am Ende stand für mich fest: Das willst du weitermachen!

Und warum haben Sie sich gerade auf die epidemiologische Forschung gestürzt?

Nöthlings: Weil sie ein relevanter und wichtiger Ansatz ist, die Beziehung zwischen Ernährung und dem Auftreten von Erkrankungen zu untersuchen. Die Studien werden heutzutage oft multidisziplinär geplant und durchgeführt und bieten so Antworten auf vielfältige Fragen. Der ganze Prozess – Planung, Durchführung, Auswertung, zunächst statistisch, dann die Interpretation –, das hat mir immer Spaß gemacht. Nicht zuletzt ist auch die Auseinandersetzung mit anderen Fachdisziplinen ein Ansporn für mich. Epidemiologische Erkenntnisse sind ein wichtiges Puzzlestück zur Erklärung des großen Ganzen.

Die Liste Ihrer Aufgaben und Verpflichtungen ist lang: Lehre im Bachelor- und Masterstudiengang, Forschung mit der Beteiligung an ca. einem Dutzend Projekten, Betreuung und Führung von ca. einem Dutzend wissenschaftlicher Mitarbeiter – um nur die wichtigsten Aufgaben zu nennen. Wie schafft man das und bleibt dabei so entspannt wie Sie?

Nöthlings: Meines Erachtens braucht es ein gutes Team – eine Professur ist keine One-(Wo-)Man-Show. Pragmatismus und Gelassenheit sind vermutlich ebenfalls hilfreich. Ein wichtiger Faktor für mich ist es, das Gespräch zu suchen – ganz gleich, um was es geht. Vor wichtigen Entscheidungen war es für mich immer sehr hilfreich, mich mit den Beteiligten zusammenzusetzen und den Konsens zu suchen. Bisher bin ich damit immer bestens gefahren. Nehmen Sie das Projekt Diet-Body-Brain (DietBB), auf das ich sehr stolz und dessen Sprecherin ich bin. Es lebt aus der Gruppe der Beteiligten heraus. Insbesondere im Steuerungsgremium sind sehr konstruktive, positive und nicht zuletzt sympathische Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich offen sprechen kann. Das macht DietBB zum Gemeinschaftsprojekt und bringt die Sache voran.

Sie haben Ihre Karriere nie verbissen betrieben?

Nöthlings:Karriere im Sinne von „ganz nach oben” hat mich nicht vorrangig interessiert. Ich habe Epidemiologie immer als notwendig und wichtig empfunden und darin ein hehres Ziel gesehen. Das war und ist mein Ansporn. Es geht dabei nicht um Gewinne oder materielle Aspekte. Epidemiologie ist für mich relevant und gut. Die Beschäftigung damit hat sich für mich immer authentisch angefühlt und deswegen auch Spaß gemacht. Der Erkenntnisgewinn aus der Ernährungsepidemiologie mündet zum Beispiel direkt in evidenzbasierte Ernährungsempfehlungen. Was heute für die Ernährung der Menschen als richtig und gut empfohlen wird, basiert zum großen Teil auf den Erkenntnissen der Epidemiologie.

Erfüllt Sie das, was Sie tun?

Nöthlings:Ja. Ich möchte nichts anderes machen. Manchmal ist es ein bisschen viel, aber das kommt wohl in jedem Job vor. Aber ich möchte definitiv nichts anderes machen.

Sagt Ihnen der Begriff Freizeit etwas?

Nöthlings: Wir haben einen dreijährigen Sohn. Der füllt meine Freizeit aus. Das ist eine unglaubliche Bereicherung.

 

Das Gespräch führte Dr. Friedhelm Mühleib


Prof. Dr. Ute Nöthlings

Prof. Dr. Ute Nöthlings

Zur Person: Prof. Dr. Ute Nöthlings

  • Studium der Oecotropholgie an der Universität Bonn, Masterstudium der Epidemiologie an der Technischen Universität Berlin, Promotion am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE)
  • Professorin für Ernährungsepidemiologie am Institut für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften der Universität Bonn

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