Fachtagung „Caring Cooking Cleaning“ an der Universität Gießen

8. April 2018  |  Autor: (81 Artikel)
Kategorie(n): Lehre & Lernen, Wissenschaft & Forschung
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Die Fachtagung „Caring Cooking Cleaning – Neubewertung und Aufwertung haushaltsnaher Dienstleistungsarbeit als Schlüssel für eine sozial gerechte und integrative Gesellschaft“ fand Ende 2017 in der Aula der Justus-Liebig-Universität (JLU) in Gießen statt. Die Veranstaltung war zugleich ein Festkolloquium anlässlich des 65. Geburtstages von Prof.‘in Dr. Uta Meier-Gräwe sowie ihrer Emeritierung im März 2018 nach einer engagierten beruflichen Schaffenszeit. 

Ausgehend von den vielfältigen Aktivitäten, die in der bisherigen Projektlaufzeit des Kompetenzzentrums zur „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD) in Kooperation mit unterschiedlichen Akteuren aus Bund, Ländern und Kommunen zur Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen durchgeführt worden sind, wurden Fortschritte bilanziert aber auch verbleibende Herausforderungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft formuliert.

Die Veranstaltung war zugleich ein Festkolloquium anlässlich des 65. Geburtstages von Prof.‘in Dr. Uta Meier-Gräwe sowie ihrer Emeritierung im März 2018 nach einer engagierten beruflichen Schaffenszeit. Rund 150 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung, Privatwirtschaft, Wissenschaft und verschiedenen Organisationen der Zivilgesellschaft nahmen an der Fachveranstaltung teil.

Die Fachtagung „Caring Cooking Cleaning“ als Veranstaltung Kompetenzzentrums zur „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD)

 

Feierlicher Auftakt und Grußworte

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch mehrere Grußworte. In ihrer Begrüßungsansprache verwies Uta Meier-Gräwe auf die gesellschaftliche Bedeutung für Sorgetätigkeiten im privaten Haushalt sowie der Zeit, die für diese eingeräumt wird. Um Zeit für solche Tätigkeiten zu gewinnen, könne die Arbeitsteilung zwischen den Haushaltsmitgliedern angeglichen und ein Teil der Sorgetätigkeit an qualifizierte Kräfte abgegeben werden. Hierzu bedürfe es einer Professionalisierung hauswirtschaftlicher Tätigkeiten und der Aufwertung der Sorgeberufe in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, damit diese vom Preis-/Lohndruck befreit würden, unter dem sie aktuell stehen. Uta Meier-Gräwe sieht diese Aufwertung als ein zentrales Thema zukünftiger Arbeits- und Sozialpolitik und die Arbeit des Kompetenzzentrums PQHD als einen wichtigen Beitrag dazu. Anschließend dankte Prof. Dr. Dr. Joybrato Mukherjee, Präsident der JLU, Uta Meier-Gräwe für ihre engagierte und erfolgreiche Schaffenszeit. Es folgten weitere Grußworte von Gerda Weigel-Greilich, Bürgermeisterin von Gießen sowie Dr. Christine Bergmann, Bundesfamilienministerin a. D., die gleichermaßen die sozialpolitische Relevanz des Tagungsthemas unterstrichen. In einem letzten Grußwort übergaben Prof.‘in Dr. Angela Häußler (PH Heidelberg), Prof.‘in Dr. Christine Küster (FH Fulda), Dr. Sandra Ohrem und Dr. Inga Wagenknecht der Jubilarin die ihr zur Ehren veröffentlichte Festschrift „Care und die Wissenschaft vom Haushalt“.

Gleichstellungspolitische Herausforderungen und Perspektiven für gute Arbeit und gutes Leben

Anschließend eröffnete der Wissenschaftsjournalist und Moderator Gerd Scobel den inhaltlichen Teil der Tagung. Nachdem Prof.‘in Dr. Gertrud Winker aus gesundheitlichen Gründen ihre Teilnahme an der Tagung leider kurzfristig hatte absagen müssen, stellte Uta Meier-Gräwe sogleich in ihrem Vortrag die Kernfrage, wie künftig, im Kontext der strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft, die Sorgearbeit gewährleistet und organisiert werden könne. Hierbei definierte sie als wichtigste Ziele die soziale Absicherung der Personen, die unbezahlte Sorgearbeit übernehmen sowie die Verbesserung der Vereinbarkeit von Sorge- und Erwerbsarbeit. Wichtige Grundlage hierfür sei eine lebenslaufbegleitende Infrastruktur, die eine Versorgung, Begleitung und Unterstützung der Menschen leiste. Um auch dem Wunsch vieler Paare nach einer paritätischen Aufteilung der Haushaltsarbeit gerecht zu werden, bedürfe es der Wegbereitung zu einem Earner-Carer-Modell, in dem beiden Geschlechtern Zeit für Erwerbsarbeit einerseits und Haushalts- und Sorgearbeit andererseits zugestanden würde. Damit solche arbeitsteiligen Arrangements ohne Überforderung der Haushaltsmitglieder gelingen können, sei zudem die Unterstützung durch externe Kräfte notwendig. Gutscheine und andere Anreizsysteme zur Nutzung haushaltsnaher Dienstleistungen, die über den regulären Markt abgewickelt würden, könnten den Anstoß dazu geben, auf eine solche Unterstützung externer Kräfte zurückzugreifen. Derart könne dem besorgniserregenden Trend der prekären Beschäftigung im Bereich der haushaltsnahen Dienstleistungen gegengesteuert werden.

Sorge-und Erwerbsarbeit bei Paaren

Ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen in der häuslichen Pflege

In seinem sich anschließenden Vortrag „Damit es Oma gut geht“ beschrieb Prof. Dr. Bernhard Emunds (Oswald von Nell-Breuning-Institut Frankfurt) die problematischen Arbeitsbedingungen der „Live-in Pflegekräfte“, die in privaten Haushalten sog. „24-Stunden-Pflege“ leisten. Die Organisation dieser Pflegeleistungen erfolge auf unterschiedlichen Wegen, sei aber in den meisten Fällen von Schwarzarbeit geprägt. Die Arbeitszeiten der Pflegekräfte seien ungeregelt und gingen weit über die im Arbeitszeitgesetz vorgeschriebene Grenze von 48 Stunden pro Woche hinaus. Ursache sei, dass die Ermöglichung einer häuslichen Pflege und des Reziprozitätssystems zwischen Jung und Alt weiterhin als wichtige Werte gälten, aber durch den Strukturwandel viele Familien nicht mehr in der Lage seien, diese Sorgeaufgaben persönlich zu leisten. Gleichzeitig werde die Pflege und Sorgearbeit innerhalb privater Haushalte nicht als klassische Berufstätigkeit wahrgenommen und geringer bewertet. Daher suchten die Haushalte eine kostengünstige Möglichkeit, eine gute Versorgung zu organisieren. Derart würde die Sorgearbeit weiterhin gering geschätzt und die Beruflichkeit von Haus- und Sorgearbeit mit geregelten Arbeitsbedingungen und professionellen Standards geschwächt.

Modellprojekte stellen sich vor…

Anschließend stellten Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeiter verschiedener Bildungsträger Modellprojekte zur Qualifizierung und Professionalisierung haushaltsnaher Dienstleistungen schlaglichtartig vor. Die Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer hatten in der sich anschließenden Mittagspause die Gelegenheit, sich auf einem „Markt der Möglichkeiten“ an Informationsständen tiefergehend über diese vielfältigen Modellprojekte zu informieren. Vertreten waren hierbei die ZAUG gGmbh (Gießen), die GFFB gGmbH (Frankfurt a. M.), das Berufsbildungswerk Südhessen, die VHS Göttingen-Osterode sowie die Diakonie Württemberg, einerseits mit dem Ausbildungsprojekt „OIKOS“ sowie andererseits als ausführender Träger des Modellprojektes für Dienstleistungsgutscheine in Baden-Württemberg.

Am Nachmittag stellte Ruth Weckenmann (Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Baden-Württemberg) eben jenes Modellprojekt, in dem der Einsatz öffentlich geförderter Gutscheine für haushaltsnahe Dienstleistungen zur Erhöhung der Arbeitszeit qualifizierter Frauen getestet wird, näher vor. Gleichzeitig soll durch die Förderung das Beschäftigungsfeld der haushaltsnahen Dienstleistungen, welches aktuell stark von Schwarzarbeit geprägt ist, für sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erschlossen werden. Vergleichbare Gutscheine gibt es schon in Frankreich und Belgien.

Vielfältig besetztes Podium

Anschließend wurden im Rahmen einer Podiumsdiskussion einschlägige Frage- und Problemstellungen zum Thema „Aufwertung von Sorgearbeit“ beleuchtet und diskutiert. Prof.‘in Dr. Stefanie André (THM Gießen), Johanna Brückmann (ZAUG gGmbH), Thomas Fischer (BMFSFJ), Prof.‘in Dr. Angela Häußler (PH Heidelberg), Dorothea Simpfendörfer (Deutscher Hauswirtschaftsrat) und Barbara Wagner (GFFB gGmbH) standen den Fragen und Impulsen des Moderators gegenüber und diskutierten dabei u. a. über ein antiquiertes Frauenbild, das vielfältige Anforderungen mit sich brächte und so zur Überforderung der Betroffenen führe. Die Expertinnen und Experten appellierten, im Bereich der haushaltsnahen Dienstleistungen ein attraktives Arbeitsfeld zu schaffen und der Öffentlichkeit Sorgearbeit als Wirtschaftsfaktor ins Bewusstsein zu bringen.

Kreative Einlagen anlässlich des gleitenden Abschieds von Uta Meier-Gräwe rundeten die Tagung ab. Insgesamt wurde die Veranstaltung als sehr gelungen wahrgenommen und von den Tagungsgästen vielfach gelobt.

Die Tagungsdokumentation wurde auf der Homepage des Kompetenzzentrums veröffentlicht.

Bericht: Mareike Bröcheler, M. Sc.; Silvia Niersbach, M. Sc. , B. Ed

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