Globale Nachhaltigkeitsziele: Herausforderungen und Chancen für die Ernährungsindustrie

10. November 2017  |  Autor: (86 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis, Meinung & Politik
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Nachhaltigkeit stand am 26./27. Oktober 2017 beim Treffen der VDOE-Netzwerke Wirtschaft & QM/QS auf der Agenda. Insbesondere den Umgang mit kritischen Themen in der Lebenmittelindustrie hatten die Experten im Blick. Im Focus standen Nachhaltigkeitsstandards und deren Umsetzung bei Palmöl sowie der Umgang der Medien mit dem Thema Nachhaltigkeit. Und auch der Blick auf globale Nachhaltigkeitsziele kam nicht zu kurz. Stefanie Sabet, Geschäftsführerin und Leiterin des Büros in Brüssel der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie BVE, fasst ihren Vortrag hier zusammen.

Wie kann das globale Gemeinwohl auf sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Ebene erreicht und langfristig gesichert werden? Angesichts einer immer weiter wachsenden Weltbevölkerung – laut Prognosen wird diese bis 2050 auf 9 Milliarden Menschen ansteigen – und des stetig steigenden Verbrauchs natürlicher Ressourcen, ist diese Frage in den vergangenen Jahren verstärkt in den politischen Fokus gerückt.

Um den Folgen dieser Entwicklungen Herr zu werden, verabschiedeten die Vereinten Nationen im September 2015 die sogenannte „Agenda 2030“, die darin 17 ehrgeizige Ziele (Sustainable Development Goals – SDGs) für eine nachhaltige Entwicklung formuliert. Die Umsetzung der globalen Entwicklungsziele begreift die Agenda 2030 als gesamtgesellschaftliche Aufgabe – sie gilt für Entwicklungsländer, Schwellenländer und Industriestaaten gleichermaßen.

Nachhaltigkeit in der Ernährungsindustrie – Wo liegen die Einflussbereiche der Branche und welchen Beitrag kann sie leisten?

Auch die deutsche Ernährungsindustrie hat an dieser Aufgabe Teil: Eine nachhaltige Lebensmittelproduktion ist Gegenstand gleich mehrerer Hauptziele und damit in der Agenda 2030 fest verankert. Die Themenfelder reichen von „ausgewogener Ernährung“, „Ernährungsbildung“, „nachhaltige Landwirtschaft und Produktionsmuster“ sowie „fairer Handel“ bis hin zur „Vermeidung von Lebensmittelverschwendung“. Als drittgrößter Industriezweig in Deutschland und fest integrierter Partner im globalen Agrarmarkt ist das Nachhaltigkeitsengagement der Ernährungsindustrie aber auch in Themenfeldern, die auf den ersten Blick keinen direkten Bezug zum Thema „Ernährung und Lebensmittel“ haben, gefragt, so zum Beispiel bei den Themen „Energie“, „Infrastruktur“ und „Bildung“. Folgende zwei Beispiele sollen verdeutlichen, wo die Einflussbereiche der Branche liegen und wie sie ihren Beitrag leistet bzw. leisten kann.

Beispiel 1: Ziel 12 – Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen

Die Formulierung der Zielsetzung verrät es bereits: Ziel 12 der Agenda 2030 hat einen eindeutigen Bezug zum Thema „Ernährung“ und ist für die deutsche Ernährungsindustrie damit von besonderer Relevanz. Mit Ziel 12 soll eine nachhaltige Bewirtschaftung und effiziente Nutzung der natürlichen Ressourcen erreicht und die Nahrungsmittelverschwendung halbiert bzw. die Nahrungsmittelverluste sowie das Abfallaufkommen verringert werden. Informationen über und das Bewusstsein für eine nachhaltige Entwicklung und Lebensweise der Menschen sollen gefördert sowie Unternehmen zur Berichterstattung über ihr Nachhaltigkeitsengagement motiviert werden. Angesichts der bestehenden Hungerproblematik, der auf Abfälle entfallenden Treibhausgasemissionen sowie der Wasser- und Landnutzung, aber auch der insgesamt begrenzten Produktionsflächen und -kapazitäten ist es notwendig, mit den vorhandenen Ressourcen so sorgsam und effizient wie möglich umzugehen.

Die deutsche Ernährungsindustrie fördert nachhaltige Lieferketten sowie die Reduzierung von Verlusten entlang der gesamten Kette. Auch die Aufklärung über eine gesunde Lebensweise und ausgewogene Ernährung sowie der Erhalt eines entsprechend vielseitigen Angebotes sind erklärte Ziele der Branche. Dem Anspruch der Vereinten Nationen an eine breitere Berichterstattung der Unternehmen kommen immer mehr Lebensmittelhersteller freiwillig nach. Tierwohlinitiativen, gemeinsame Maßnahmen mit der Politik zur Ernährungsbildung, ein optimiertes Abfall- und Umweltmanagement sowie die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung auf ein Minimalmaß sind Beispiele der Branche, die zur Umsetzung von Ziel 12 beitragen.

Beispiel 2: Ziel 11 – Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten

Ziel 11 lässt auf den ersten Blick keinen direkten Bezug zur deutschen Ernährungsindustrie erkennen. Erklärte Ziele darunter sind, die Verstädterung in der Welt gerechter zu gestalten. Dazu zählen eine verlässliche Infrastruktur, bezahlbarer Wohnraum, ausreichend Grünflächen und eine Verringerung der Umweltbelastung. Hier sind natürlich in erster Linie der Staat und die Kommunen in der Pflicht. Mit der voranschreitenden Urbanisierung muss aber auch die Lebensmittelversorgung in den Städten nachhaltig sichergestellt werden. Die Herausforderung besteht dabei darin, den Menschen Lebensmittel zum einen in der notwendigen Menge und Qualität in Form haltbarer Produkte zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung zu stellen und dabei zum anderen auf eine hocheffiziente und umweltfreundliche Logistik zurückzugreifen. Gleichzeitig müssen Abfälle reduziert werden.

Die industrielle Verarbeitung und der Einsatz moderner Verpackungen verbessert die Lagerfähigkeit und erhöht die Haltbarkeitsdauer von Lebensmitteln. Durch Anpassung der Verpackungsgrößen an den tatsächlichen Bedarf trägt die Branche gleichzeitig zur Reduzierung der Abfallmenge bei. Über eine zunehmend rationelle Logistik und dezentrale Produktion können Kraftstoffe und damit CO2-Emissionen eingespart werden.

Diese zwei unterschiedlichen Beispiele machen deutlich, dass sich die Branche ihrer Verantwortung in Bezug auf die Umsetzung der 17 globalen Nachhaltigkeitsziele durchaus bewusst und hier bereits vielfach freiwillig engagiert ist. Dabei ist sie aber auch auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den restlichen Akteuren der Wertschöpfungskette – der Landwirtschaft, dem Handel, der Politik und auch den Verbrauchern – angewiesen. Beispiele für erfolgreiche Brancheninitiativen, die Ergebnis dieser vertrauensvollen Kooperationen sind, gibt es mittlerweile zahlreiche. So zum Beispiel das Leuchtturmprojekt Forum Nachhaltiger Kakao, das Forum Nachhaltiges Palmöl oder auch die Fruit Juice CSR Plattform – um nur einige wenige zu nennen.

Nachhaltigkeit als Trend – Welche Herausforderungen gibt es auf der Nachfrageseite?

Das Thema „Nachhaltigkeit“ ist in den letzten Jahren auch verstärkt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Vor allem von Konsumentenseite, aber auch vonseiten des wettbewerbsintensiven Lebensmitteleinzelhandel, sind die Marktansprüche an wirtschaftliches Handeln spürbar gestiegen. Weitere Aufmerksamkeit verschafft dem Thema eine intensiv geführte mediale Debatte, die nicht zuletzt auch durch diverse NGOs angetrieben wird.

Das Interesse daran, woher Lebensmittel stammen und wie sie produziert wurden, wächst in Deutschland entsprechend stetig. Laut einer gemeinsamen Studie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) mit der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist der Anteil der Konsumenten, die vermehrt bewusst konsumieren, auf 27 Prozent angestiegen. Bereits heute liegt Qualität als Einkaufskriterium knapp über dem Preis, die Deutschen sind zunehmend bereit, für hochwertige Lebensmittel mehr Geld auszugeben. Für 51 Prozent der Verbraucher ist Qualität heute vor dem Preis das ausschlaggebende Kriterium, wenn Lebensmittel eingekauft werden.

Wunsch und Wirklichkeit bei gesunder Ernährung

Fragt man die Deutschen allerdings danach, was sie unter „nachhaltiger, gesunder Ernährung“ verstehen, muss man feststellen, dass Wunsch und Wirklichkeit hier nicht recht zusammen passen. Jeder Zweite weiß einer aktuellen Studie der BVE mit der GfK zufolge nichts mit dem Stichwort anzufangen. Vonseiten der Politik, aber auch der Wirtschaft und der Medien muss der Verbraucherdialog hier gestärkt und bewusst Aufklärung betrieben werden – denn nur so können wir dem Thema Nachhaltigkeit in seiner Komplexität als Gesamtgesellschaft gerecht werden.

Die Autorin:

Stefanie Sabet Stefanie Sabet, Geschäftsführerin/Leiterin Büro Brüssel Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie BVE

 

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