Perspektivwechsel – Inspirationen zum Thema Nachhaltigkeit

4. Dezember 2017  |  Autor: (72 Artikel)
Kategorie(n): Unterwegs & vor Ort, Wissenschaft & Forschung
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Unter dem diesjährigen Motto „Perspektivwechsel“ trafen sich ca. 300 VertreterInnen aus NGOs, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zum REWE Group Dialogforum am Westhafen in Berlin. Seit 2010 dient diese jährliche Veranstaltung dem Dialog zum Thema Nachhaltigkeit im Lebensmittelhandel – und VDOE-Vorstandsmitglied Gabi Börries war vor Ort.

In seinem Begrüßungsvortrag betonte Lionel Souque, Vorstandsvorsitzender der REWE Group, die Bedeutung des Themas für den Konzern und zeigte exemplarisch, wie die vier Säulen der Nachhaltigkeit bei REWE „Grüne Produkte“, „Energie“, Klima und Umwelt“, „Mitarbeiter“ und „Gesellschaftliches Engagement“ bereits umgesetzt werden. Im Anschluss stellte Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts Workshop in seinem Vortrag „Perspektivwechsel und Innovationen“ Megatrends sowie Projekte von Querdenkern und Pionieren vor, etwa die Self Driving Supermarkets in Asien oder das neue Blockheizwerk in Kopenhagen als anschauliches Beispiel für Hedonic Sustainability.  Zum Thema Cross Innovation wurden wir dann mit unseren per Zufall zusammen gewürfelten Tischpartnern selber tätig und entwickelten im Schnellverfahren innovative Ideen für den Handel.

In seinem Keynote-Vortrag  „Nachhaltige Marktwirtschaft – Chance oder Utopie?“ spannte Richard David Precht im Anschluss einen Bogen von der Entholzung der Osterinsel zu unserem heutigen Verhalten. Zwar wissen wir vieles zum Thema und den notwendige Schritten zu mehr Nachhaltigkeit, aber an Glaube und Umsetzung mangelt es. Er erläuterte das Phänomen der „Shifting Baselines“, bei dem die Wahrnehmung des „Normalen“ mit der Zeit immer weiter verschoben wird. Precht plädiert zwar dafür, technologische Revolution und Nachhaltigkeit zu verknüpfen, warnt aber vor kurzfristiger Effizienz anstatt langfristiger, das gesamte System betrachtender Effektivität. „Exnovation“ bezeichnet dabei das Entsorgen der Innovationsfolgen. Precht betont, dass Zukunft ohne Verzicht nicht möglich sein werde. Um eine Enkeltauglichkeit unseres Wirtschaft zu erreichen und nachhaltiges Konsumentenverhalten zu begünstigen, schlägt er die Kennzeichnung moralischer Produkte im Sinne eines Bad-Trade-Labels für Produkte mit nicht-fairen Produktionsprozessen vor, etwa ein Bild von Kinderarbeit auf einem nicht-fair geernteten Kakao.

Trendausstellung nachhaltiger Technologien

In der langen Mittagspause bot sich neben dem Genuss eines in Aquaponik-Verfahren in Berlin hergestellten Barsches die Gelegenheit weitere Beispiele nachhaltiger Projekte in der Trendausstellung zu besichtigen. Zum Thema Lebensmittelverschwendung gab es etwa einen vernetzten Kühlschrank und seine Möglichkeiten zu sehen, ebenso wie innovative ressourcensparende Verpackungskonzepte, z.B. aus Graspapier. Unter dem Begriff  Future Living waren Beispiele des Urban Farming aufgebaut und verschiedene Insekten konnten verspeist sowie ein Foodscanner ausprobiert werden. Auch neue Technologien zur Herstellung von Lebensmitteln der Zukunft wurden vorgestellt, etwa das in Nährlosungen gezüchtete Fleisch oder mit dem 3-D-Drucker erzeugte Schokoladenprodukte. Eine Drohne und ein fahrerloses Mobil standen beispielhaft für den nachhaltigen Transport der Zukunft, während eine Forschungsgruppe das marktreife Verfahren zur Geschlechtsbestimmung  im Brutei präsentierte und Würmer in einer Box eindrucksvoll  Möglichkeiten der Abfallverwertung demonstrierten.

Vielfältiges Workshop-Angebot

Am Nachmittag fanden dann 8 Themen-Workshops zu den Themen Food Waste, Arbeit 4.0, Zukunft des Green Buildings, Fairness im Handel, Nachhaltigkeit und bewusste Ernährung, Tierhaltung 2030, Circular Economy sowie Gemeinwohl-Ökonomie statt. Im Workshop zu Nachhaltigkeit und bewusster Ernährung berichtete der Wissenschaftler Mark Post vom Stand seiner Erfindung, dem aus Muskel-Stammzellen gezüchteten Fleisch, dessen Entwicklung inzwischen soweit fortgeschritten ist, dass etwa 2020 mit einer Markteinführung zu rechnen ist. Mithilfe der kreativen Methoden des Design Thinking widmeten wir uns dann der Ideenentwicklung zu mehr Nachhaltigkeit und bewusster Ernährung.

Appell für rasches Handeln

In der Abschluss-Podiumsdiskussion wurde die Frage der Möglichkeiten zur Beeinflussung von Konsumverhalten aufgegriffen, also wie viel Konsumenten selbst überlassen werden sollte und wie viel die Politik „von oben“ steuern muss. Precht verlangte, die Wirtschaft solle die Politik mehr fordern. Er mahnte, dass ein sofortiges Handeln notwendig sei, uns aber die Vorstellung davon, wie es in 20-30 Jahren in Deutschland aussehen soll, fehle. Was nutzt uns ein verlängertes oder ewiges Leben, wenn der Planet unbewohnbar geworden ist?

In einem Fazit lässt sich sagen, dass zwar bereits interessante Ansätze bestehen, aber weitere kreative Innovationen notwendig sind, um nachhaltige Konzepte im Bereich der Lebensmittel und des Handels voran zu bringen. Das REWE Group Dialogforum bietet dabei eine wichtige Gelegenheit, sich mit VertreterInnen anderer Disziplinen und Bereiche in diesem Feld auszutauschen und gemeinsam Ideen und Lösungen für mehr Nachhaltigkeit zu entwickeln. Die Zeit drängt!