Über die Fidschi-Inseln zum VDOE: Part 3

18. Dezember 2015  |  Autor: (81 Artikel)
Kategorie(n): Beruf & Praxis, Studium & Karriere, Unterwegs & vor Ort
Schlagwörter: , , , ,

Die Fidschi-Inseln klingen nach Traumurlaub. Die Oecotrophologin Verena Laubenbacher lernt dort aber Projekte rund um die Ernährungsbildung und –sicherung in der Südsee kennen. Ein Praktikum beim National Food and Nutrition Centre soll es möglich machen. Die Triesdorfer Absolventin berichtet im VDOE-Blog in lockerer Folge über ihren Weg zu den Trauminseln, ihre Erfahrungen und Erlebnisse!
Teil 3: Ein neuer Praktikumsplatz muss her! Und wie geht eigentlich QM auf fidschianisch?

Dies ist der dritte Teil der Blogreihe „Über die Fidschi-Inseln zum VDOE“.

Teil 1: Vom Studieren in Triesdorf, dem Marketing-Praktikum in Wien sowie dem Plan für die Reise.

Teil 2: Die Ankunft in der Südsee ist, wie man es sich als Europäer vortstellt: freundliche Bewohner, bunte Farben und gutes Wetter. Dem Blick einer Oecotrophologin entgehen jedoch nicht die ernährungsbedingten Probleme der Bewohner. Zudem wird  Verena schnell klar, dass sich ohne Kontakte wenig bewegt. Und genau die fehlenden Netzwerke werden  ihr „zum Verhängnis“:  So kommt es, dass die so sicher geglaubte Praktikumsstelle beim National Food and Nutrition Center plötzlich nicht mehr zu besetzen ist.

Damit habe ich absolut nicht gerechnet…

Jetzt habe ich wohl ein Problem, da ich mit einem Visum eingereist bin, dessen Bedingung es ist, innerhalb von nun noch vier verbleibenden Tagen eine Arbeit bei der Einwanderungsbehörde vorzuweisen. Doch in Selbstmitleid versinken bringt jetzt nichts, Taten müssen folgen. Ich lerne schnell mich in einer Welt zu Recht zu finden, in der Kontakte das A und O sind. Die nächsten Tage sind bestimmt von Telefonaten und E-Mails. Ich schaffe es tatsächlich innerhalb kürzester Zeit eine neue Organisation zu finden, eine NGO in der keine unendlich langen bürokratischen Wege zu durchlaufen sind. Dann soll es wohl doch das andere Ende der Insel werden – ab in den Westen zu FRIEND! Die Foundation for Rural Integrated Enterprises & Development (FRIEND)
beschäftigt sich mit sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Problemen auf Fidschi.

Bei diesem tollen Ausblick vom Büro aus ist das doch auch keine schlechte Alternative:

Abb4_Ausblick vom FRIEND-Büro

Der Ausblick vom FRIEND Büro.

Meiner Meinung nach ist es ein großer Vorteil, dass Einheimische die Organisation führen. Somit sind zumindest schon einmal keine kulturellen und sprachlichen Barrieren im Arbeitsalltag vorhanden. Das ist vor allem bei der direkten Arbeit in den Dörfern wichtig, was einen essentiellen Anteil der Projekte darstellt.

Ich werde direkt sehr herzlich empfangen und die Arbeit rückt erst einmal ein Stück in den Hintergrund. Diwali, das indische Lichterfest steht an und findet seinen Höhepunkt Mitte dieser Woche. Die Tage und Wochen davor sind aber für den hinduistischen Teil der indo-fidschianischen Bevölkerung auch schon sehr aufregend. Da darf ein Diwali-Lunch in der Arbeit natürlich auch nicht fehlen. Die indischen Kolleginnen bringen genug Saris (die traditionelle Kleidung) und Essen für alle mit. Normalerweise sind Tütensuppen und Zucker in der Arbeit strengstens verboten. Man möchte schließlich mit gutem Beispiel voran gehen. An diesem Tag wird aber eine Ausnahme gemacht und es wird eine ganze Tafel an indischen Süßigkeiten serviert, wobei das Wort „süß“ wirklich sehr ernst zu nehmen ist. Auch wenn pink nicht meine Lieblingsfarbe und Zucker nicht meine Lieblingszutat darstellen, ist es ein sehr schöner und ausgelassener Tag!

Abb5_Diwali-Lunch bei FRIEND

Diwali-Lunch bei FRIEND

Ursprünglich war angedacht, dass ich das SMILE-Team unterstütze (Sustainable Medicine Improving Lives through Empowerment). Krankenschwestern und Physiotherapeuten gehen im Rahmen dieses Programmes in die Dörfer, wo sie Gesundheitschecks (vor allem bezogen auf Diabetes) und Bewegungsübungen durchführen. Hauptziel ist, wie bei allen anderen Programmen auch, das Erreichen selbstständigen Handelns. Hilfe zur Selbsthilfe. Da nun aber die großen Ferien begonnen haben, die Kinder wieder alle zu Hause sind und die Erwachsenen genug auf Trab halten, ist momentan nicht der richtige Zeitpunkt dafür und der praktische Teil des Programmes startet erst wieder im neuen Jahr.

Wie geht eigentlich QM auf Fidschi? Und wo sind die Zertifikate der Zulieferer?

Im Qualitätsmanagement der hauseigenen Produktion wird hingegen gerade enorm viel Unterstützung gebraucht. Es ist zwar nicht mein Spezialgebiet, aber da die pazifischen Qualitätsstandards nicht mit europäischen zu vergleichen sind, reicht mein Vorwissen aus und ich kann hier tatkräftig meine Unterstützung einbringen. Sagen wir es mal so – es ist anders. Allein beispielsweise die Beschaffung von Messgeräten oder anderen Hilfsmitteln ist auf einer Insel wie dieser nicht so einfach, wie man es sich vorstellt. Dazu kommt, dass die hierarchische Kultur auch bei der Arbeit einen extremen Einfluss hat und Mitarbeiterführung auf einmal eine ganz andere Bedeutung bekommt. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Kontakt zu den Zulieferern, Bauern aus der Region. Da die fidschianische Landwirtschaft nicht ansatzweise so standardisiert und modernisiert ist, wie ich es von zu Hause kenne, ergeben sich für mich neue Herausforderungen, beispielsweise bezüglich einer geregelten Rohstoff-Lieferung. Auf meine Frage hin nach dem Ordner mit den Zertifikaten der Zulieferer werde ich nur komisch beäugt und nach weiterer Recherche verstehe ich auch warum: Zertifizierungsstellen existieren nicht, weder staatliche noch private. Auch wenn das Klima an der Nordwestküste Fidschis sehr trocken sein mag – das Thema Qualitätsmanagement ist es definitiv nicht!

Ernährungsbildung in der Südsee

Ein bisschen Einblick habe ich auch schon in das „Governance“-Programm erhalten. Das dreht sich rund um das Management der Dörfer. Sei es Katastrophenmanagement, wenn mal wieder ein Zyklon gewütet hat, Ernährungssicherung, da die vor allem die Trockenzeit oft eine schwere Zeit für die Bauern ist, aber auch der Bereich der Bildung sowie rechtliche Rahmenbedingungen. Eine Mitarbeiterin setzt sich beispielsweise momentan für eine Petition gegen den hier zu Lande komplett unregulierten Pestizid-Einsatz ein, welcher starke Gesundheits- und Umweltschäden mit sich bringt. Zur Bildungsförderung finden regelmäßig Workshops für die verschiedensten Zielgruppen statt. Letztens begleitete ich beispielsweise zwei Kolleginnen zu einem Workshop in eine Schulküche. Diese wird von Frauen aus den umliegenden Dörfern geführt wird. Wir haben zusammen gesunde Cracker aus Kassava (einem fidschianischen Wurzelgemüse mit positiven ernährungsphysiologischen Eigenschaften) gemacht – ganz ohne Öl. Vielleicht ersetzen diese in Zukunft die eine oder andere Packung Chips… Nachdem die Cracker nach ein paar Tagen Sonnenschein (der hier immer vorzufinden ist) getrocknet waren, galt es zum gemeinsamen Verkosten noch einmal vorbei zu fahren. Diese Besuche dienen vor allem einem weiteren Motivationsschub – nicht nur bei mir. Viele Aktionen wecken nämlich erst einmal große Begeisterung, verlaufen dann aber schnell wieder im Sand und man kehrt zu alten Verhaltens- und Kochweisen zurück. Außerdem bekommen wir regelmäßig Besuch von Schulklassen, welche eine kleine Workshop-Reihe durchlaufen, in der sie Informationen rund um nachhaltige Landwirtschaft sowie das Anlegen eigener Gemüsegärten, die Auswirkungen der extremen Müllproduktion und Maßnahmen zu deren Vermeidung, gesunde Rezepte aus regionalen Zutaten sowie Anregungen zur körperliche Betätigung erhalten.

Auch meine ersten Lektionen auf der Insel haben also nicht lange auf sich warten lassen. Freundlichkeit, Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft können, seien sie noch so groß, nichts gegen Bürokratie und Geld ausrichten. Kontakte sind die einzige Möglichkeit. Denn irgendwer hat immer einen Onkel oder Cousin, der an den richtigen Hebeln sitzt.

Eine stark ausgeprägte Hierarchie ist bei Weitem nicht nur im privaten kulturellen Rahmen vorzufinden, sondern definitiv auch im Arbeitsalltag. Da bleibt der ein oder andere Konflikt nicht aus, wenn plötzlich eine junge, qualifizierte und weiße Frau ihren Standpunkt vertritt und dann auch noch Forderungen stellen will… Es sind auf jeden Fall sehr vielseitige und spannende Erfahrungen, die ich aus dem Paradies am anderen Ende der Welt mitnehmen werde!

Ich werde weiter berichten!

Teil 4: NGO FRIEND und GROW – zwei unterschiedliche Wege zu helfen. Und wie man trotz El Niño und der extremen Trockenheit Weihnachten feiern kann.

Teil 5: Von Ananans und Armut

Teil 6: Ernährungssicherung nach dem Zyklon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.