Verpflegung von Personen in prekären Einkommensverhältnissen

14. Mai 2018  |  Autor: (79 Artikel)
Kategorie(n): Wissenschaft & Forschung
Schlagwörter: , , , , ,

Vom 21. bis 23. Juni 2018 findet in Kassel die Tagung „Ernährung 2018 – Ernährung ist Therapie und Prävention“ statt. In unserer VDOE-Blogserie verraten wir Ihnen vorab einige Inhalte ausgewählter Vorträge. Das erleichtert Ihnen die Entscheidung zwischen der Vielzahl an Themen. Heute lesen Sie mehr über die Herausforderungen der Verpflegung von Menschen in prekären Einkommensverhältnissen. Damit beschäftigt sich Diplom-Oecotrophologin Dr. Tatjana Rosendorfer.

In der Session „Herausforderungen für Verpflegungsangebote spezieller Zielgruppen“ geht es nicht um Ernährung im engeren Sinne, sondern um deren Rahmenbedingungen. Dabei spielen Geld, Milieu und Bildung eine wichtige Rolle. Ersteres ist in Familien, die Arbeitslosengeld II bekommen, knapp. Insgesamt beziehen in Deutschland 6,3 Millionen Menschen diese staatliche Grundsicherung. Wie betroffene Haushalte, meist Familien mit Kindern, ihre Versorgung meistern, untersuchte Dr. Tatjana Rosendorfer im Rahmen eines speziellen Forschungsprojektes.

Zwei interessante Fallstudien daraus beschreibt sie in der Veröffentlichung „Haushalten mit (zu) wenig Geld“. „Dabei haben wir festgestellt, dass die Familien ganz unterschiedlich mit ihrer Situation umgehen und das Klischee von der armen Familie, die billiges Fastfood vor dem Fernseher isst, so nicht stimmt.“

Arme Familien müssen rationaler wirtschaften als andere

Tatsächlich kommen manche Familien trotz knapper Kasse gut über die Runden. Das ist dann der Fall, wenn sie gut planen, Sonderangebote nutzen oder Lebensmittel auch selber anbauen. Während eine gewisse Eigenversorung auf dem Land einfacher ist, können dort günstige Einkaufsmöglichkeiten fehlen. Denn Menschen mit (zu) wenig Geld kaufen meist im Discounter und nie beim Bäcker oder Metzger, weil es dort zu teuer ist. Auch benötigt man ein Auto oder ist lange mit dem Bus unterwegs. Hier bietet das Leben in der Stadt Vorteile.

Fakt ist: Gerade Haushalte mit niedrigem Einkommen müssen besonders rational und planerisch wirtschaften. Dazu braucht es wiederum ein Wissen in Haushaltsfragen, das in armen Familien eher gering ist – ein Teufelskreis. So kommt es im schlimmsten Fall zu dramatischen Situationen: „Ich habe Familien kennengelernt, die schließen irgendwann gegen Ende des Monats die Küche ab, damit die Kinder nicht einfach so an den Kühlschrank gehen, wenn sie Hunger haben“, berichtet Rosendorfer.

Die Alltagskultur jeder Familie wertschätzen

Auf der anderen Seite hat jede Familie – egal ob arm oder reich – eine eigene Alltagskultur, die von familienspezifischen Traditionen und Ritualen, von Kenntnissen und Fähigkeiten und von den Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern geprägt ist. Dazu Tatjana Rosendorfer: „Es geht darum, diese Strukturen zu erkennen und zu respektieren. Statt mit rein rationalen und ökonomischen Argumenten daherzukommen, muss man die Gewohnheiten einer Familie im Blick behalten. Die haben gerade in puncto Ernährung und Lebensmittelversorgung einen entscheidenden Einfluss“, so Rosendorfer.

Budgetberatung und Finanztraining als Hilfe zur Selbsthilfe für Familien

Manche Kommunen bieten kostenlose Budgetberatungen an, die Menschen in prekären Einkommenssituationen dabei helfen, besser mit ihren knappen Mitteln hauszuhalten. So gibt es in München die vom Verein für Fraueninteressen getragene Haushaltsbudgetberatungsstelle FIT-FinanzTraining. „Das ist ein niederschwelliges Angebot, in dem Oecotrophologinnen den Ratsuchenden bei der Erstellung von Haushaltsplänen helfen oder über Kostenfallen wie teure Versicherungen oder Mobilfunkverträge aufklären“, erklärt Rosendorfer das Konzept. Sehr wertvoll seien auch Initiativen, bei denen Menschen, die sich mit Haushaltsfragen auskennen, ehrenamtlich im direkten Kontakt Familien in finanzieller Not beraten. „Damit die nicht ihre Küche abschließen müssen, um bis zum nächsten Zahltag noch etwas zu essen zu haben.“

Die VDOE-Vortragssitzung „Herausforderungen für Verpflegungsangebote spezieller Zielgruppen“ findet unter dem Vorsitz von VDOE-Vorstandsmitglied Dipl. oec. troph. Gabi Börries und Diplom Oecotrophologe Holger Pfefferle am Freitag, den 22. Juni 2018 von 16.00 bis 17.30 Uhr im Kolonnadensaal 6 statt.

Wer aus erster Hand mehr über dieses und weitere Themen erfahren möchte, kann sich hier zur Dreiländertagung „Ernährung 2018“ in Kassel anmelden.


Die Referentin: Dr. Tatjana Rosendorfer

Dr. Tatjana Rosendorfer

Dr. Tatjana Rosendorfer

  • Diplom-Oecotrophologin der Fachrichtung Haushaltswissenschaften
  • Spezialisierung im Bereich Finanzmanagement im Haushalt mit Schwerpunkt Familien; hier sowohl in der Forschung als auch in der praktischen Beratung aktiv
  • Selbstständigkeit als zertifizierte Finanzplanerin, ehrenamtliches Engagement in der hauswirtschaftlichen Beratung verschuldeter Familien und Blog: Finanzkompetenz im Alltag

 

Autorin: Gabriela Freitag-Ziegler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.